Psychotische Fugue

Der Tag heute war irgendwie ziemlich chaotisch. Ich glaube, es lag auch daran, dass ich reif fürs Wochenende bin. Heute kam ein neuer Patient, Herr Barber. Er wurde heute Keller eines Wochnhauses entdeckt, wo er nicht nur einen Heizstrahler mit Ethanol angezündet hat, sondern auch Kleidungsstücke aus den Kisten (die die Hausbewohner im Keller stehen hatten) angezogen hatte. Als die Polizei ihn dann damit konfrontiert hatte, ist er wohl ziemlich ausgerastet. Dann habe sie ihn zu uns gebracht. Bei uns war er eigentlich ziemlich ruhig und erzählte, dass er eigentlich Ungare ist und nur nach Budapest zurückkehren möchte. Aber irgendwie wird das ständig vereitelt. Er wollte ursprünglich in London in ein Flugzeug nach Budapest einsteigen: im letzten Moment sei sein Handy ohne Akku gewesen, sodass er sein Ticket nicht zeigen konnte. Man hätte ihn dann nicht mehr in das Flugzeug reingelassen. Er wollte ein neues Ticket kaufen, aber man hat ihn wohl nicht gelassen. „Dann bin ich eben mit dem Zug nach Brüssel gefahren“, sagte er lakonisch. Dort habe man ihn verprügelt, weil er keine Maske in einem öffentlichen Raum getragen habe. Er habe dann ein Schreiben vom Staat bekommen, dass er innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen müsse. Er ist dann in den nächsten Zug nach Aachen gestiegen. Über Umwege hat er es dann bis zu uns geschafft. Als er hier zum Flughafen ist und sich endlich ein Ticket nach Budapest kaufen wollte, ließ man ihn nicht. Man habe ihm keines verkauft, er wisse auch nicht, wieso. „Es ist mein menschliches Grundrecht, zurück in mein Land zu dürfen. Man muss allen Menschen eine sichere Überfahrt geben, wenn sie in ihr Land zurückkehren wollen. Alles andere ist illegal.“ Er schien sowieso viele Vorstellungen davon zu haben, was sein Recht ist und was illegal ist.
Die Feuer, die er gelegt haben soll (die Polizei hat auch von einem verbrannten Kinderwagen und einem verbrannten Stück Rasen im Hinterhof des Hauses, wo er gefunden wurde, erzählt), habe er nicht gelegt, sondern gelöscht. Es seien Kinder gewesen, die mit Feuer gespielt haben.
Er erzählte die ganze Geschichte ruhig, wenn auch etwas genervt, aber eigentlich ziemlich geordnet. Er wirkte nicht auf den ersten Blick wie jemand, der eine psychische Erkrankung hatte. Mein Bauchgefühl war aber irgendwie komisch. Beim Sprechen kamen bei ihm Größenideen durch: er wisse Bescheid, er kenne den Präsidenten, er habe Informationen, die die ungarische Regierung wolle. Dennoch konnte ich bei ihm keine formale Denkstörung sehen, ein wichtiges Merkmal von schizophrenen Erkrankungen.
Als die Richterin zur Anhörung da war (Herr Barber wurde richterlich in der Klinik untergebracht, weil er nicht freiwillig bleiben möchte), war er sehr ruhig und geordnet. Ich dachte auch kurz, ob es überhaupt notwendig ist, ihn unterzubringen. Aber wenn jemand in fremden Häusern brandstiftet… Und außerdem hat seine Geschichte einfach so viele Löcher: warum schafft er es nicht, nach Budapest zu kommen? Wieso will man ihm kein Ticket verkaufen? Warum war er in den letzten 2 Wochen in 4 europäischen Ländern? Und warum stößt er immer wieder auf Probleme? Warum kommt er mit so vielen Bränden in Kontakt, wenn er sie angeblich nicht legt?
Es sind diese Dinge, die einen dann doch stutzig machen und die einen vor allem im Bereich Schizophrenie und Psychose aufhorchen lassen müssen. Wenn sich irgendwie alle gegen einen verschworen haben, kann das auch ein Beeinträchtigungswahn sein. Wenn man irgendwie immer in Problemen landet und man nicht erklären kann, wieso, kriegt man vielleicht Einiges nicht auf die Reihe und merkt es nicht: das könnte eine mangelnde Störungseinsicht sein. Um das nochmal anders zu beleuchten: ein Mensch mit Zwangsstörung macht seltsame Dinge (wäscht sich die Hände genau sieben Mal, schaltet das Licht an und aus usw. ), weiß aber, dass sie seltsam sind. Ein Mensch mit Psychose tut diese Dinge und versteht nicht, warum alle denken, dass das seltsam ist. Wenn Herr Barber wirklich eine Psychose hat, bin ich mir sicher, dass er am Flughafen so auffällig gewesen ist, dass das Flugpersonal ihn nicht für passagierfähig gehalten hat und ihm deshalb kein Ticket verkauft. Aber weil er in seiner Welt alles korrekt macht, versteht er einfach nicht, warum ihn alle so behandeln, als wäre er verrückt. Der Zwangsgestörte handelt also ich-dyston, während der Psychotiker ich-synton (in Übereinstimmung mit seinen Vorstellungen) handelt.

Weil ich eben dieses Bauchgefühl hatte, war ich froh, dass die Richterin den Antrag auf Unterbringung genehmigt hat. Man kann so einen Beschluss immer aufheben, aber für den Moment gibt er uns Zeit.
Wenig später hat das Telefon geklingelt: es ist der Psychiater von Herrn Barber aus Budapest. Ich war erstaunt: also hat er doch einen Psychiater! Mir hatte er nämlich erzählt, dass er keine Vorerkrankungen hat und noch nie in medizinischer Behandlung war. Der Psychiater berichtete dann kurz, dass Herr Barber psychotisch ist. Also doch! Er hätte wohl in Budapest in ein psychiatrisches Krankenhaus sollen und war da vor wenigen Wochen vor der Behandlung geflüchtet! Eine richtige psychotische Fugue also.

Ich bin gespannt, wie sich die nächsten Wochen so gestalten.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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