Wieder ein 24-Stunden-Dienst. Mittlerweile hat sich tatsächlich eine bestimmte Routine eingeschlichen. Ich bin nicht mehr aufgeregt, nur weil ein Patient mit der Polizei kommt. Ich weiß jetzt, wie ich Fixierungen anmelde und wann der Bereitschaftsrichter anzurufen ist. Ich weiß, wie solche Anhörungen stattfinden und welche Formulare auzufüllen sind. Diese Ruhe ist wirklich Gold wert. Wenn man 24 Stunden durchhalten muss, dann ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Es ist ein Marathon und kein Sprint, hat mir ein guter Kollege einmal gesagt. Dementsprechend war ich auch in meinem Dienst gestern relativ entspannt, auch wenn einer unserer herausforderndsten Patienten wiedergekommen ist: Herr Lehner. Herr Lehner ist erst 22 Jahre alt und bereits chronifiziert psychotisch. Er lebt auf der Straße und ist von verschiedensten Drogen abhängig. Antipsychotische Medikamente hat er noch länger als ein paar Monate genommen. Wir kennen Herrn Lehner, weil er Ende April bei uns 7 Tage lang in der Fixierung war. Es war einfach kein Herankommen an ihn. Er schreit, spuckt, beleidigt am laufenden Band. Zunächst dachten wir, es sei eine Drogenintoxikation; nachdem der Rausch vorbei ist, würde er vielleicht kooperativer werden. Leider ging es auch nach 3 Tagen immer weiter mit den Beledigungen, den Schreien. Dabei erzählte er immer wieder, wie unfair er von der Polizei und von den verschiedensten Krankenhäusern, in denen er war, behandelt wurde. Klassisch psychotisch eben, man nennt diese Sicht, in der man sich immer als Opfer sieht, Beeinträchtigungswahn. Nachdem er sich auch unter Medikation nach 7 Tagen nicht gebessert hatte, haben wir ihn defixiert und direkt entlassen. Es gab einfach keine wirkliche Rechtfertigung mehr für die Fixierung. Seitdem ist er wahrscheinlich durch die ganze Stadt gewandert und immer wieder in verschiedene Psychiatrien gekommen.
Gestern fiel er am Bahnhof auf, weil er versucht hatte, Beamte der Deutschen Bahn anzugreifen. Als diese einem Faustschlag gekonnt ausweichen konnten, hat er sie wohl bespuckt. Als dann die Polizei da war, hat er angefangen, seinen Kopf gegen Wände und andere Gegenstände zu schlagen. Weil die Polizei das so auffällig fand, haben sie ihn zu uns gebracht. Als ich ihn in der Rettungsstelle gesehen habe, war er tatsächlich eher ruhig. Nur gelegentlich schrie er laut auf, um Befehle zu erteilen („Trinken!“). Erzählen wollte er aber gar nichts. Weil er auch in Fixierung immer wieder den Kopf so schwungvoll gegen die Matratze schlug und er dabei fast das Kopfteil des Bettes traf, mussten wir sogar Schultergurte anlegen. Eine Standardfixierung beinhalten immer 5 Punkte: 2 Arme, 2 Beine und den Bauch. Wenn jemand damit immer noch eine Gefahr darstellt, kann man auf 7 Punkte (Schultergurte) oder 9 Punkte (Oberschenkelgurte) erhöhen. 9 Punkte habe ich nur einmal gesehen, bei Herrn Mayar. Ich habe ihn also in Fixierung aufgenommen und einfach gehofft, dass er sich bald so weit beruhigen könnte, dass ich ihn direkt wieder entlassen könnte.
Wer gestern immer wieder den Kontakt zu mir gesucht hat, war Frau Erle. „Können wir sprechen?“, fragte sie mich immer wieder auf dem Flur. Weil ich Frau Erle einfach mag, habe ich auch immer wieder ja gesagt. Die Gespräch verliefen aber immer so, wie Gespräch mit Frau Erle verlaufen: ein Paradebeispiel für assoziative Lockerung. „Wir haben nur 5 Minuten … Fünf … Fünf Finger … Fünf Finger sind eine Faust. Soll ich Sie mit der Faust schlagen?“ „Gibt es in Hamburg auch Avocado? Avocado kommen aus Frankreich. Damit kann man Salat machen. Salat… Obstsalat … Kirschen. Kirschkernkissen. Ein Kissen voller Tabletten schützt gegen Schizophrenie.“ Da wurde ich hellhörig. „Was meinen Sie denn damit, Frau Erle? Stecken Sie Ihre Medikamente ins Kopfkissen statt sie einzunehmen?“ „Das weiß ich nicht“, erwiderte sie. „Wollen wir mal zusammen nachschauen?“ bot ich an. „Nein, danke. Ich beende das Gespräch jetzt. Tschüüüss.“
Ein anderes Mal meinte sie: „Umzugskartons. Haben Sie auch Umzugskartons? Ziehen Sie auch um?“ „Nein, Frau Erle, ich arbeite hier.“ „Ich ziehe um, in ein Hotel. Ich werde türmen, heute oder morgen.“ „Oh, na das ist aber keine gute Idee, Frau Erle. Wo wollen Sie denn hin?“ „Zur Post, Ich muss Geld abheben für das Hotel.“ „Sie meinen wahrscheinlich die therapeutische WG, in die sie ziehen werden. Das ist alles schon bezahlt, das bezahlt das Sozialsystem, “ versicherte ich ihr. „Ach so…“, erwiderte sie in ihrem typischen Singsang.
Es klingt zwar nicht so, aber tatsächlich wird Frau Erle jeden Tag ein bisschen besser. Wenn man sich Zeit nimmt und sich die Mühe macht, ihren assiziativen Sprüngen zu folgen, kann man eigentlich ein ganz angenehmes Gespräch mit ihr führen. Ich werde sie vermissen, wenn sie uns verlässt.
-M