Zwangsmaßnahmen

Wieder ein Montag, wieder eine Oberarztvisite. Ich war heute ziemlich müde, weil ich gestern mit Cynthia bis Mitternacht an einer Präsentation gearbeitet habe. Am Montag wird aber immer nur wenig von mir verlangt: man muss eigentlich nur kurz seine Patienten und Patientinnen vorstellen, wenn sie in die Visite kommen. Ansonsten sitzt man eigentlich nur in Meetings. Herr Kranau kam in die Visite, was er noch nicht so lange macht (vorher musste man ihn immer in seinem Zimmer suchen; dann hat er einen rausgeworfen). Man konnte sich richtig mit ihm unterhalten! Er hat erzählt, dass er das Abitur nachholen möchte, wir konnten über seine Medikamente sprechen und er war sogar schon in der Ergotherapie. Als er ursprünglich zu uns gekommen war, ging es ihm so schlecht: er hat nicht einmal Blickkontakt halten können. Interessanterweise ist das bei Menschen mit Psychose häufig so. Ich denke, weil sie meistens sehr misstrauisch sind und daher nicht zuviel von ihrem Innenleben preisgeben wollen. Herr Kranau hat tatsächlich anfangs so wenig Blickkontakt zugelassen, dass es jetzt ziemlich auffällt. Er hat heute auch nach einer Depotmedikation gefragt: das bedeutet, dass man das gewählte Medikament als langwirksame Form in den Muskel spritzt. Das muss man dann nur alle 4 Wochen wiederholen und man ist nicht so sehr davon abhängig, ob jemand seine Medikamente regelmäßig einnimmt. Viele Patienten möchten aber keine intramuskuläre Spritze. Es ist daher umso bemerkenswerter, dass Herr Kranau heute von sich aus danach gefragt hat. Es geht wirklich in die richtige Richtung mit ihm.

Wer heute ganz neu gekommen ist, ist Frau Ahrends. Sie hat eine schizoaffektive Störung, das bedeuet, dass sie sowohl Symptome einer Schizophrenie (beispielsweise Verfolgungswahn und formale Denkstörungen), aber auch affektive Symptome hat, das heißt, Symptome der Stimmung. In ihrem Fall ist die Stimmung gehoben, dementsprechend nennen wir es eine schizoaffektiv-manische Episode. Seit Monaten lässt sie wohl niemanden mehr in ihre Wohnung, welche sie selbst wiederum nicht verlässt. Sie kam daher in einem ziemlich desolaten Zustand zu uns. Die grauen Haare sind strähnig über dem Gesicht, an mehreren Stellen ist ein Hautausschlag zu sehen und das Kinn ist voller grauer Barthaare. Als wir sie heute in ihrem Zimmer visitiert haben (sie ist natürlich nicht in die Visite gekommen), lag sie untenrum nackt auf dem Bett und hat sich hin- und hergeworfen. Dabei hat sie laut vor sich hin gemurmelt und gekichert. Es war heute praktisch kein Kontakt mit ihr möglich, sie hat nur mit sich selbst gesprochen.
Wenn Menschen in einem so kranken Zustand kommen, muss man eigentlich erstmal abwarten. Man nimmt Konktakt mit der betreuenden Person auf (die meisten unserer chronisch Kranken haben einen Anwalt oder eine Anwältin, die sie vertritt) und diskutiert, was passieren soll. In einem solchen Zustand, wie Frau Ahrends heute war, nehmen die meisten der Patienten keine Medikamente mehr ein. Wenn man Menschen in Deutschland zwangsmedizieren muss, muss man einen Antrag an das zuständige Amtsgericht schreiben. Das Gericht beauftragt dann einen externen Gutachter, welcher die Patientin unabhängig vom Krankenhaus exploriert und sich ein Bild von der Situation macht. Dieser Gutachter ist auch ein Psychiater. Dann wird das Gutachten an das Gericht geschickt, in welchem sich entweder für oder gegen die Zwangsmedikation ausgesprochen wird. Dann kommt die Amtsrichterin und hört die Patientin persönlich zu dem Thema an und entscheidet dann, ob eine ärztliche Zwangsmaßnahme gerechtfertigt ist oder nicht. Dieser Prozess dauert meist mehrere Wochen. In dieser Zeit kann man als Behandlungsteam oft nichts machen, außer imminente Gefahren abzuwenden. Diese Zeit ist oft die schwierigste, weil die Patienten mehr und mehr in die Psychose rutschen. Man wartet dann sehnsüchtig auf die richterliche Anhörung.
So war das übrigens auch mit Herrn Kranau: auch bei ihm mussten wir eine Zwangsmedikation einleiten. Als er dann angefangen hat, seine Medikamente zu nehmen, wurde er zusehens besser; wie oben ja schon beschrieben, bessert er sich immer weiter und weiter.
Obwohl eine Zwangsmaßnahme ein gravierender Eingriff in das Leben eines Menschen ist und man definitiv nicht leichtfertig damit umgehen darf, ist es wirklich manchmal genau das Richtige. Als Arzt fühlt man sich nie gut, wenn man jemanden zwangsmedizieren muss. Aber wenn man dann Wochen später sieht, wie sich manche Patienten darunter entwickeln und wieviel besser es ihnen dabei geht, nimmt einem das tatsächlich ein bisschen die Last von den Schultern.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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