Heute gab es einen Feueralarm. Ich war am Telefon mit den Eltern von Herrn Berber, als plötzlich ein lautes Piepen und Pfeifen losging. Ich habe erstmal gar nicht verstanden, dass das ein Feueralarm ist. Als ich dann doch aufstand, um zu gucken, waren im Flur alle schon in Aufruhr. Wenn nämlich der Feueralarm losgeht, gehen automatisch alle Fluchttüren auf. Da wir natürlich eine geschlossene Station sind, müssen dann alle Ausgänge bewacht werden, damit niemand abhaut. Ich machte mich in der Zwischenzeit auf die Suche nach dem Auslöser. „Hier riecht es nach Rauch“, meinte mein Kollege. Stimmt. Ich schnupperte und lief in das offene Zimmer von Herrn Hübner. „Hier riechts nach Rauch, Herr Hübner. Rauchen Sie etwa im Zimmer?“ fragte ich. Es gibt auf der geschlossenen Station eigentlich einen Raucherraum, den die Patienten benutzen sollen. Auf dem Zimmer zu rauchen ist strengstens verboten. „Ich habe hier nicht geraucht, aber mein Zimmernachbar, sehen Sie?“ antwortete er und zeigte auf eine schwelende Papiertüte in der Ecke. Offenbar hatte der seine Kippe in eine Papiertüte geworfen, ohne sie vorher richtig zu löschen. „Wir brauchen einen Feuerlöscher hier“, rief ich. Toll, das habe ich noch nie gesagt. Das Feuer war schnell gelöscht die Rauchentwicklung war auch nur sehr gering gewesen, sodass alles schnell wieder zum Normalbetrieb zurückkehren konnte. Das Witzige ist ja, dass Herr Hübner anscheinend überhaupt nicht verstanden hat, wie gefährlich die Situation war. Er ist auch manisch (warum sind alle gerade manisch?) und fand es angebracht, mich mit irgendwelchem Müll vollzulabern, während wir versucht haben, einen Brand unter Kontrolle zu bekommen. „Herr Hübner, raus jetzt!“ brüllte ich ziemlich ungedulig. Er hat einfach keinen Kontakt zur Realität, dieser Mann. Eigentlich total lustig, wenn es nicht gerade gebrannt hätte.
Mit den Eltern von Herrn Berber habe ich heute lange telefoniert, sie kümmern sich echt so toll um ihren Sohn. Er soll ja endlich nach Ungarn zurück und ich hoffe, dass es jetzt bald klappt. Er hat sich tatsächlich ziemlich verbessert in den letzten Wochen. Er hat schon seit über einer Woche nichts mehr angezündet und als ich ihn heute nach dem Feuer gesehen habe, habe ich freudestrahlend gesagt: „You know, I was so happy to see, that this time it wasn’t you who caused the fire!“ „It never was me!“, keifte er zurück. Ups, klar. Er denkt ja, er ist ein FeuerLÖSCHER und nicht ein FeuerLEGER. „Oh, yeah, you’re right, of course! I was wrong, I’m so sorry“, log ich amüsiert. Er ist auch einfach so realitätsfern. Aber als ich heute mit den Eltern telefoniert habe und diese gefragt hatten, ob er denn nicht immer noch einne Gefahr für sich und andere sei (wegen den ganzen Feuern), meinte ich: „Naja, letzte Woche ist er zwar aus der Klinik weggelaufen, aber er hat eigentlich nur gefeiert. Es gab keine gefährlichen Fehlhandlungen und schon gar kein Feuer. Ich habe mich tatsächlich gefreut und das als Fortschritt gewertet!“ Dieses Detail hat sie tatsächlich in all ihrer Sorge schmunzeln lassen. Wenn er Party macht, ohne etwas anzuzünden, dann hat er sich tatsächlich gebessert. Ich habe verschwiegen, dass er zur Pride Parade gegangen ist. Ich wusste nicht, ob er den Eltern gegenüber geoutet ist.
Der Umgang mit ihm heute war auch sehr viel besser, er ist wesentlich ruhiger und friedlicher und nicht mehr so gereizt wie am Anfang. Und flirten wollte er heute wieder, der Schlingel. „Your first name is nice“, sagte er. Ob er wohl hoffte, dass ich ihm das Du anbiete? Nein, nein, mein Lieber, so läuft das hier nicht. Aber süß fand ich es trotzdem.