Heute verlief der Tag ziemlich ruhig. Ich habe im Moment auch nur 4 Patienten. Frau Ernest, die im Moment ziemlich im manischen Teil ihrer schizomanischen Erkrankung ist, stand breit grinsend und laut singend im Flur und flocht sich die strähnigen Haare zu Zöpfen. Die kleine Frau Walk sollte heute eigentlich geplant gehen und ist aber einfach abgehauen. Typisch Borderline-Persönlichkeit eben, wahrscheinlich hält sie den Abschied einfach nicht aus und wollte ihm zuvorkommen, indem sie einfach die Biege macht, ohne was zu sagen. Frau Wiletzki war heute ziemlich überfordert. Wir hatten ein Gespräch mit ihrem Vater und sie es war ihr alles zu viel. Sie hat ziemlich schnell angefangen zu heulen, ich habe aber nicht genau verstanden, wieso. Ich weiß allerdings, dass es wohl schon zu Gewalt in der Familie gekommen ist, die vom Vater ausging, daher kann ich mir vorstellen, dass sein Besuch nicht nur als schön empfunden wurde. Als ich heute in ihrer Anamnese ein bisschen nachgelesen habe, wurde ich ziemlich stutzig: sie hat schon im Alter von 12 Jahren mit Cannabiskonsum begonnen. Mit 15 kamen Amphetamine, LSD, DMT und Methylphenidat dazu. Dann Ketamin, Kokain und Alkohol. Anscheinend hat Frau Wiletzki sogar mal als Dealerin gearbeitet. Dabei sieht sie so unscheinbar aus mit ihren langen braunen Haaren, ihren dunklen Augen und der lockeren Strickjacke, die sie immer trägt.

Jedenfalls hat sie heute viel geweint. Im Moment gibt sie mir ja nichts preis über ihr Innenleben. Ich weiß gar nicht, was in ihr vorgeht. Ich sehe nur, dass sie mit einfachen Dingen wie dem Therapieplan auf Station total überfordert ist. Warum sie überhaupt ins Krankenhaus gekommen ist, war so: sie hat zuhause eine Matratze angezündet und wohl mit Alkohol übergossen, damit sie besser brennbar ist. Sie hat auch einen kleinen Zettel hinterlassen, auf dem „Next time, maybe.“ stand. War es ein Suizidversuch? Im Moment noch total unklar; sie spricht ja nicht mit mir.

Wer jetzt endlich entlassen werden kann, ist Herr Berber. Er wird übermorgen abgeholt und in seine Heimat zurückgebracht. Als ich das heute gerade organisiert hatte, klopfte er an meine Tür und sagte: „I just got off the phone with the embassy. They are going to send a car right now and pick me up, they will take me to the airport. So I’m leaving, goodbye!“ Das war natürlich völliger Unsinn. Er hatte immer noch einen richterlichen Unterbringungsbeschluss. „Ok, that’s great. But in case that doesn’t work, Mr. Berber, I have an alternative for you. You could be picked up by the Samaritans by Thursday, how does that sound?“ fragte ich. „Yeah, ok, that would also work. But the embassy car will be here shortly.“ „Alright, I guess the plan with the Samaritans would be like a plan B, right? It’s always good to have a plan B“, sagte ich. „Yeah, I guess“, räumte er ein. „I will not need it, but thank you“, sagte er und düste ab. Naja, weiterhin gesteigertes Selbstbewusstsein.

Ansonsten war heute nicht viel los. Frau Nüßlein hat heute ihre Depomedikation als Spritze im Rahmen ihrer Zwangsbehandlung bekommen. Sie will sie natürlich nicht, hat es aber zugelassen, aber nur unter lautem Fluchen, dass sie hier alle zusammen mit Xavier Naidoo verklagen werde. Mit Frau Erle, die ja sonst immer völlig durch den Wind war, konnte ich mich heute ansatzweise gut unterhalten. Sie wird wirklich langsam besser. Das lässt echt hoffen.

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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