Im Moment geht es bei mir gerade drunter und drüber. Irgendwie kommt plötzlich alles in diesen nächsten zwei Wochen zusammen. Glücklicherweise war die Arbeit dafür heute entspannter, auch wenn übers Wochenende mehrere neue Patienten gekommen sind. Einer davon ist wirklich sehr krank (schizoaffektiv manisch) und ist wechselnd entweder singend oder fluchend auf Station anzutreffen. Anscheinend war er mal Travestiekünstler. Die Visite mit ihm ging schnell, weil er eigentlich nur einen Witz erzählen wollte: „Der Arzt sagt zum Patienten: ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Welche wollen Sie zuerst hören?“ „Die gute, Herr Doktor.“ „Sie haben noch drei Tage zu leben.“ „Meine Güte, was ist denn dann die schlechte Nachricht?!“ „Ich habe Sie gestern nicht erreicht.“ Frau Siemel, die neben ihm auf dem Flur saß, lachte sich kaputt. Dass das eigentlich ein Visitengespräch sein sollte, nahm niemand hier Ernst.
Ein anderer neuer Patient kam heute mit läppischem Syndrom, das bedeutet: er kichert und lacht ständig, auch in völlig unangebrachten Situationen. Herr Milovic hatte wohl seine Mutter mit einem Fleischhammer bedroht. „Ich könnte dir damit den Kopf einschlagen“, hat er wohl zu ihr gesagt. Das sagt sie zumindest. Er möchte dazu nichts sagen, kichert aber immer wieder. „Was ist denn so lustig?“ fragte ihn die Amtsrichterin bei der Anhörung in meinem Büro. „Ach, nichts“, winkte er ab, „ich versuche nur, den Humor zu behalten in dieser seltsamen Situation.“ Naja, dagegen spricht ja nichts. Aber der Mutter per SMS zu schreiben, dass man noch einen Vertrag mit Blut unterschreiben müsse und ihr dann ein Bild von einem Sarg zu schicken – das ist nicht so lustig. Das fand auch die Amtsrichterin nicht lustig, die dann entschied, dass er erstmal für 4 Wochen in der Klinik bleiben muss. Er hatte dazu nicht viel zu sagen. Er kicherte nur ein bisschen.
Frau Wiletzki hingegen war heute nicht so gut drauf. Sie hat wahrscheinlich im Rahmen von Drogenkonsum eine ausgeprägte formale Denkstörung in Form von langen Antwortlatenzen. Sie braucht immer eine Minute, um über selbst die einfachsten Fragen nachzudenken. Und wenn sie dann antwortet, kommt raus, dass sie die Frage nicht einmal verstanden hat. Es ist ziemlich ermüdend, mit ihr ein Visitengespräch zu führen. Heute sollte ich ihr erklären, warum man den richterlichen Beschluss, der sagt, dass sie in der Klinik bleiben muss, nicht aufheben kann. „Frau Wiletzki, ich kann den Beschluss noch nicht aufheben lassen, weil ich ja noch gar nicht weiß, was zu Anfang passiert ist“, erklärte ich. Sie war nämlich bisher ausgesprochen zugeknöpft, was die Ereignisse des Aufnahmetages anging. Irgendwie war ihre Matratze zuhause plötzlich in Flammen aufgegangen und sie war mit einer Flasche Hochprozentigen dabeigewesen. Man hatte es erstmal als Suizidversuch gewertet, aber Klarheit haben wir bis heute nicht. Sie möchte nämlich nicht darüber reden. Aber natürlich kann ich auch keinem Gericht sagen, dass der Beschluss aufgehoben werden kann, wenn noch gar nicht klar ist, ob die Umstände, die zu dieser gefährlichen Situation am Anfang geführt haben, noch bestehen oder nicht.
Das fand sie gar nicht gut. „Dann lassen Sie den Beschluss einfach schleifen??“ rief sie aufgeregt. „Wie meinen Sie denn „schleifen“? fragte ich irritiert. „Ich werde mit Ihnen versuchen herauszufinden, was an dem Tag passiert ist und wie wir verhindern können, dass Ihre Matratze wieder brennt. Und das machen wir mittels Gesprächen. Gesprächen, wo Sie im Moment nicht mitmachen“, sagte ich klar. Sie guckte etwas überfordert. Dann stand sie plötzlich auf, wie wenn sie einenn Einfall gehabt hätte, ging zum Schreibtisch meiner Kollegin (wir saßen in meinem Arztzimmer) und nahm einen Kugelschreiber, der dort lag, in die Hand. Sie beäugte ihn misstrauisch, legte ihn dann aber wieder hin und setzte sich wieder, wie wenn nichts gewesen wäre.
Es ist schon interessant, wie für Außenstehen oft so klar ist, dass eine Person ein psychisches Problem hat, aber die Betroffenen es selbst gar nicht sehen. Ich hoffe wirklich, dass Frau Wiletzki sich schnell bessert. Sie ist erst 26 Jahre alt und hat ihr ganzes Leben eigentlich noch vor sich.
Weiteres von Station:
Herr Leberknecht lag auf dem Boden im Flur mit dem Gesicht zum Boden, einfach so.
Frau Retzlaff hat verkündet, dass sie ihren Vornamen geändert hat und man möge sie bitte nur noch mit Luisa ansprechen.
Herr Berber hat einen kleinen Zettel geschrieben, wo drauf steht: „I want to return to my home country. Please call the lawyer and the judge, they need to let me go. If not, you are denying my human right.“ Er war am Wochenende abgehauen und mit Polizei wiedergekommen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, dass er weggelaufen ist, sagte er: „No, I didn’t run away. There was the Pride Parade and they just took me. I swear, I tried to come back multiple times, but it was impossible. So I stayed and partied with all of my friends.“ Dieser Junge! Dieses gesteigerte Selbstbewusstsein und diese Realitätsverkennung!
Herr Weber hat sich wieder unter die heiße Dusche gestellt und versucht, sich zu verbrennen, weil „die Chefs“ (=seine Stimmen) ihm das befohlen haben. Wir haben in weiser Voraussicht sein heißes Wasser schon abstellen lassen, sodass nichts passiert ist.
Frau Ghali hat lautstark wie eine Krähe geschriehen: Krah, krah, krah! und versucht damit lauter zu sein als ihre Stimmen, die sie quälen. Man hört sie im ganzen Haus und Garten.