Immer näher an der Tür als der Patient

Während der Montag wieder mit der Oberarztvisite vor sich hinplätscherte, war der Dienstag weitaus nervenaufreibender. Herr Berber legte wieder einmal Feuer auf Station und ich wurde von einem Patienten angegriffen. Aber eins nach dem anderen.

Am Dienstag war ich der Dienstarzt, das bedeutet, alle Patienten, die von draußen kommen, müssen erst durch mich gesehen werden. In unserer Klinik gibt es noch keinen richtigen Raum für diese Arztkontakte, weil er gerade umgebaut ist. Man sitzt also in einem leeren Raum mit ein paar Stühlen und tut so, als sei dies ein Untersuchungszimmer. In der Psychiatrie ist das ja sogar machbar, weil wir ja eigentlich nur mit Gesprächen arbeiten und unsere Verdachtsdiagnosen stellen.
Einer der Patienten, den ich als Dienstarzt sehen sollte, war Herr Erker. Herr Erker ist ein Mann mit Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit und paranoider Schizophrenie. Er war wohl schon im Nachtdienst mit dem Dienstarzt in Kontakt gewesen, weil er unbedingt aufgenommen werden wollte, aber nicht so richtig sagen konnte wieso. Bei mir war es wieder das gleiche Spiel: er will einfach aufgenommen werden. Dazu muss man wissen, dass Herr Erker keinen festen Wohnsitz hat und im Moment im Hotel wohnt. Aber das ist natürlich kein Grund, in einem Krankenhaus aufgenommen zu werden. Ich thematisierte mit ihm, dass ich nicht verstand, warum er aufgenommen werden wollte. Also fing er an zu erfinden:

„Aber ich habe keine Medikamente!“rief er ungeduldig.
„Sie sollten sich ein Rezept von Ihrer ambulanten Ärztin holen.“
„Aber ich habe doch keine Ärztin!“
„Ich habe Ihnen doch schon vorhin die Adresse genannt, wo Sie auch ohne Ärztin ein Rezept bekommen können.“
„Aber da finde ich nicht hin, ich bin doch total desorientiert!“
„Finde ich nicht, Sie haben ja ganz alleine den Weg zur Klinik gefunden.“
„Aber nur, weil ich mich nur auf das eine konzentriert habe, ganz fest.“
„Na sehen Sie, dann konzentrieren Sie sich mal ganz fest und holen sich Ihr Rezept.“
„Ich kann doch nicht mehr laufen! Mir fallen die Organe raus, sehen Sie das denn nicht?!“ Er wurde immer lauter und stand nun auf und zeigte mir seinen entblößten Bauch.
„Was haben Sie denn da? Hatten Sie da einmal eine Verletzung?“
„Nein, das ist von innen!“
„Also, Herr Erker, ich finde, Sie sollten jetzt gehen. Ich sehe keine Indikation zur Aufnahme.“
„Aber ich bin doch suizidal!“
Wann immer Patienten Fachwörter benutzen, sollte man extrem kritisch sein: es könnte gespielt sein. Wer sagt schon: ich bin suizidal? Ich bin total desorientiert? Deshalb war ich mir nämlich ziemlich sicher, dass er einfach nur manipulativ versuchte, die richtigen Schlagworte zu benutzen, um eine Aufnahme zu erzwingen.
„Ich finde Sie gar nicht suizidal“, sagte ich ruhig.

Als er dann merkte, dass ich nicht locker lassen würde, ist er ausgerastet. Er bäumte sich vor mir auf, ich wich zurück, er schlug mir mein Klemmbrett aus der Hand, wobei mich das am Unterarm verletzte, und schubste mich gegen das Fenster hinter mir. Ich konnte dann um ihn rum zur Tür raus rennen und aktivierte den Notfallalarm. Die Tür hielt ich von außen zu, mit zitternden Händen. Als meine Kolleg*innen herströmten, weil sie den Alarm gesehen hatten, warf Herr Erker noch mein Diensttelefon von innen gegen die Scheibe an der Tür, wobei es in tausend Stücke zerbarst. „Da müssen wir die Polizei rufen“, sagte mein Oberarzt ruhig. Die leitende Schwester von meiner Station, die auch dem Alarm gefolgt war, pflückte mich direkt aus dem Geschehen und meinte noch: „Du kommst jetzt erstmal mit. Das übernehmen jetzt die anderen.“ Ich bin ihr dankbar gefolgt. Sie brachte mich auf Station und gab mir erstmal Kuchen. Das half. Ich zitterte immer noch.


Es war eigentlich nicht viel passiert, aber es kam einfach so überraschend und plötzlich fühlt man sich so ausgesetzt. Ich habe wirklich nicht kommen sehen, dass er handgreiflich werden würde. „Immer näher zur Tür sitzen als der Patient“, sagt meine Oberärztin immer. Jetzt weiß ich auch wieso. Ich saß nämlich in Richtung des Fensters und nicht der Tür.
Meine Oberärztin kam dann auch gleich. „Was für ein Arsch“, meinte sie. Arsch? Das sind ja ganz neue Töne für meine Oberärztin. „Das war richtig arschig“, sagte sie nochmal. Es tat aber gut, das zu hören.
Die Schwester nahm mich noch mit in den Garten und wir sprachen noch eine Weile über die Situation und sie erzählte auch ihre Geschichten. Ihr sei wohl schon mal die Nase gebrochen worden von einem Patienten. Ich heulte noch kurz, weil die Anspannung dann so von mir abfiel. Auch das tat gut.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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