Herr Barber, der ungarische Patient mit der schizoaffektiv-manischen Erkrankung, musste heute Nacht fixiert werden. Er hat sich wohl kaum aus dem Raucherraum bewegen lassen und dann laut geschrien und mit einer Plastikflasche nach einem Pfleger geworfen. Er wurde dann für 2 Stunden fixiert. Am Morgen fragte ich ihn, was denn da passiert sei. „Ich war einfach im Raucherraum und plötzlich hat man mich aufs Zimmer bugsiert“, erzählte mir. „Ich habe laut um Hilfe und nach der Polizei gerufen. Außerdem stört mich mein Zimmernachbar. Sie haben mich dann auf ein anderes Zimmer gebracht, das fand ich toll.“ Ich merkte an, dass er ja am Bett fixiert wurde. „Ach, das fand ich nicht so schlimm“, winkte er ab. „Ich wollte sowieso schlafen, ob ich da mit oder ohne Gurte schlafe, ist mir einerlei.“
An dieser Aussage merkt man wieder seinen Narzissmus. Es ist natürlich für jemanden, der größenwahnsinnig ist und sich für etwas ganz Besonderes hält, eine furchtbare Kränkung, ans Bett fixiert zu werden. Wie demütigend! Diese Menschen können damit nur umgehen, indem sie den Vorfall umdeuten: die Fixierung ist gar nicht schlimm, es störte ihn gar nicht. Eigentlich hat er erreicht, was er wollte, nämlich in ein anderes Zimmer zu kommen (der Bettnachbar störte ihn ja). Also alles in allem war es doch eine erfolgreiche Nacht für ihn. So spinnt er sich die Realität in seinem Kopf.
Wir versuchen weiterhin, ihn zurück nach Ungarn zu überführen. Leider gibt er bisher nicht sein Einverständnis, das über die Krankenkasse zu machen. „Ich kann das viel besser organisieren, ich habe eine Event Planning Company, ich mache sowas den ganzen Tag. Ich brauche nur ein Smartphone, damit ich an mein Geld komme.“ In der Visite habe ich ihm gesagt, dass er von uns zwar kein Smartphone bekommen kann, aber er kann den Computer im Ergotherapieraum nutzen. Wenn er das alles so gut organisieren könnte, dann sollte er doch ein paar Optionen raussuchen und diese am Montag in der Oberarztvisite präsentieren. „Klar, das kann ich machen. Das schaffe ich in 10 Minuten, dafür brauche ich nicht das ganze Wochenende.“ Nochmal: an Selbstbewusstsein fehlt es Manikern nicht. „Vielleicht ist es einfacher, wenn ich Ihnen diese Optionen per Email schicke. Haben Sie vielleicht eine Email, wo ich Sie erreichen kann?“ Dieser Schelm. Da versucht er doch tatsächlich, an meine Emailadresse zu kommen. „Nein, Herr Barber, das reicht, wenn Sie uns das am Montag mündlich erzählen.“
Als ich ihn wenig später auf dem Flur traf, sprach er mich an: „Ich habe einen Flug für heute Nachmittag gefunden, der kann mich direkt nach Budapest bringen.“ „Herr Barber, wir hatten doch abgemacht, dass sie Optionen sammeln und sie dann am Montag mit uns besprechen, oder?“ „Ja, aber ich brauche nicht bis Montag, ich kann Ihnen jetzt schon 7 Optionen sagen: Flugzeug, Zug, Bus, Uber, Taxi, Mietauto…“ zählte er auf. Dann stockte er. „Also eigentlich hatten wir abgemacht, dass Sie einen detaillierten Plan erstellen. Sie wissen schon: wann sind Abfahrtszeiten, wo fährt man los, wieviel kostet ein Ticket, wie kaufen Sie eins usw.“, sagte ich. „Ja, das ist alles total klar, in meinem Kopf“, entgegnete er ungeduldig. „Aber das reicht leider nicht, Herr Barber.“ „Ich habe gerade mit der ungarischen Botschaft telefoniert. Sie werden jetzt ein Auto schicken und mich in wenigen Stunden aus diesem Gefängnis rausholen“, giftete er nun. „Aber, Herr Barber“, seufzte ich müde, „er gibt doch einen Gerichtsbeschluss über Ihre Unterbringung hier.“ „Sie haben jetzt die Wahl: entweder Sie lassen mich aus diesem Gefängnis raus … oder nicht“, pustete er. „Nein, Herr Barber. Sie können nicht raus.“ „Gut, dann nicht. Arschloch!“ schimpfte er, drehte sich um und stürmte davon.
Tja, so ist das: morgens wird man noch nach seiner Emailadresse gefragt und nachmittags ist man ein Arschloch. Vom Regen in die Traufe.
-M