Nachdem ich jetzt 2 Tage krank zuhause war, habe ich mich gefreut, wieder zur Arbeit gehen zu können. Es ist zuhause doch langweilig, wenn man alleine ist und die Katzen können einen auch nicht ausreichend bespaßen.
Die Arbeit war auch ziemlich entspannt heute. Es hatte sich Einiges verändert, als ich in Krankenstand war. Mind. 4 Patienten sind von Station abgehauen (es war ein richtiger Prison Break) aber die meisten davon sind mittlerweile wieder mit der Polizei zurückgekommen. Auch Herr Bamberg ist wieder weg (und noch nicht zurück). Er war mittlerweile schon 4 Mal bei uns und wieder weg. Ich schicke dem Betreuer gefühlt jede Woche eine Email mit: Herr Bamberg ist wieder da. Herr Bamberg ist wieder weg. Man kann die Station eigentlich im Moment nicht mehr guten Gewissens als „Geschlossene“ bezeichnen. Ich bin froh, dass er weg ist. Er ist schon immer sehr herausfordernd.
Wer auch weg war, war Frau Erle. Sie ist aber auf den offenen Stationsteil gekommen. Noch am Montag lief die Visite so ab:
„Hallo, Frau Erle, wie geht es Ihnen?“
„Ich bin krank, ich möchte mich nicht setzen und ich esse gerne Abilify. Das ist alles, was ich dazu sagen möchte.“
Damit drehte sich sich wieder um und ging zur Tür. An der Tür wandte sie uns nochmal den Blick zu und begann, das Vaterunser aufzusagen, ganz schnell und komplett. Dann war sie weg.
„Ich würde sagen, sie ist reif für die offene Station“, meinte die Oberärztin.
Der junge ungarische Herr Barber ist während der letzten 2 Tage auch 3 Mal weggelaufen. Immer kam er mit Polizei wieder. Gestern hat er auch im Raucherraum auf Station ein Stück Zeitung angezündet. Höchst verboten natürlich. Als ich ihn heute damit konfrontiert habe, sagte er in seinem typisch manisch-gereiztem Ton: „I don’t cause fires. I am a fire fighter, I fight fire, I don’t cause it. This was just a training for putting it out.“ Aha, und wen hat er damit trainieren wollen? „Myself.“ Na, dann hoffe ich, dass er jetzt gut kann, es wird nämlich keine weiteren Feuerübungen auf Station geben.
Dann bat er mich um Ausgang: er wolle nur kurz in den Garten, ihm falle die Decke auf den Kopf. „Sie wissen, wieso ich mich so schwer tue, Ihnen Ausgang zu geben, richtig? Weil sie innerhalb von 2 Tagen dreimal abgehauen sind.“ Weil er mich weiterhin bettelte, ließ ich mich breitschlagen: gut, aber nur 10 Minuten. Und danach muss er sich direkt an meiner Tür melden. Wenn er zu spät ist, schicke ich ihm die Polizei hinterher. Gut, gut.
Ich hatte natürlich Sorge, dass er nicht mehr wiederkommt. Aber irgendwie hatte ich es im Gefühl, dass er die Wahrheit sagt. Tatsächlich stand er 10 Minuten später wie abgemacht vor meiner Bürotür. „Das war ja wohl die Mutprobe der Woche, ihn in den Ausgang zu lassen, ohne es mit der Oberärztin zu besprechen“, meinte Isabel. Ich war nur heilfroh, dass es gut gegangen ist. Die Polizei würde uns nämlich schon schief anschauen, wenn sie ihn zum vierten Mal in 3 Tagen fahnden müssten.
Als ich Herrn Barber wenig später auf dem Flur traf, meinte er: „Ich habe meine Klamotten gewechselt.“ Vorher hatte er schmutzige, zerrissene Kleidung an. Jetzt sah er ganz ordentlich aus. „Ah, das ist doch besser, oder?“ sagte ich im Vorbeigehen. „Sie müssen die Klamotten nicht wechseln. Sie sind schon perfekt“, sagte er nervös. Ich überging diese offensichtliche Flirterei mit einem überschwänglich „Oh, danke“ und ging in mein Büro.
Ich hatte schon seine Gay Vibes gemerkt, und tatsächlich hat er mich auch schon einmal als „cute“ bezeichnet, aber so offensichtlich war es noch nie. Interessant. Vielleicht ist er deshalb wieder aus dem Ausgang gekommen, weil er speziell mir etwas beweißen wollte. Man muss in solchen Situationen natürlich extrem aufpassen. Mal sehen, wie sich das noch entwickelt mit ihm.