Ein Wiedersehen

Ich hätte heute nicht zur Arbeit gehen sollen. Es war zwar ein ziemlich langsamer Tag (montags haben wir ja immer die Oberarztvisite), aber ich habe mich am Wochenende erkältet und ich habe mich einfach krank gefühlt. Meine Stimme hat komplett aufgegeben und ich war ziemlich schlapp. Das ist auf der Akutpychiatrie tatsächlich nicht gut, weil die Arbeit einfach sehr fordernd ist. Herr Bamberg ist wieder zurückgekommen. Er war seit 12 Tagen abgängig, obwohl es einen richterlichen Unterbringungsbeschluss gibt. Die Polizei hat ihn auf einem Bahnhof aufgegriffen. Als er da erzählt hat, dass er „den Park ansäuern“ müsse, hat die Polizei nach seinem Namen gesucht und die Fahndungsanzeige gesehen. So kam er dann wieder zu uns. Wie wir ihn schon kennen, kam er mit zerissenem Hemd und hochgekrempelter Hose an, den Schnurrbart hatte er sich zwischenzeitlich schwarz gefärbt. Weiterhin in seinem manischen Gehabe stürmt er wieder auf der Station hin und her und schreit: „Herr Doktor!“ – jedes Mal, wenn er mich irgendwie auf dem Flur sieht.
Mit diesem herausfordernden Menschen umzugehen, das fiel mir gestern wirklich nicht leicht. Als ich zu ihm ins Zimmer ging, um mit ihm zu sprechen, musste ich mich erstmal umschauen; er hatte das Zimmer zu einem typisch manischem Zimmer umgestaltet. Überall lag Krimskram, der Boden war mit Zeitungspapier und Handtüchern ausgelegt, zerfetzte Klamotten lagen in einer Ecke, Essensreste und Tabak lagen wild über dem Tisch zerstreut, alle Schranktüren standen offen, ein Stuhl stand auf dem Schrank obendrauf. So sieht das Zimmer eines Manikers aus. Sie haben immer so viele Einfälle, die sie jetzt sofort erledigen wollen, dass das Zimmer in kürzester Zeit komplett aus den Fugen gerät. „Hier sieht’s ja aus“, kommentierte ich mit meiner heiseren Stimme. „Was haben Sie denn hier vor?“ „Na, ich tapeziere den Boden“, antwortete Herr Bamberg wie selbstverständlich. „Mit Zeitungspapier?“ fragte ich und deutete auf die großen Zeitungsdoppelseiten, die überall verstreut lagen. „Nee, eigentlich mit Handtüchern“, antwortete er leise. Als wir dann ins Gespräch kamen und ich mit ihm klären wollte, wie es denn weitergeht und was denn die nächsten Schritte sein könnten, ist Herr Bamberg wieder ziemlich laut geworden. Man muss bei lauten Patienten genauso laut zurückgeben, haben wir im Deeskalationstraining gelernt. Nicht, dass man sich einfach dauernd gegenseitig anschreien sollte, aber wenn jemand sehr laut wird, dann muss man oft, auch nur ganz kurz, mit derselben Lautstärke kontern, bevor man dann wieder leise wird. Das holt die Patienten oft wieder raus aus ihrem Erregungszustand. Aber heute konnte ich einfach nicht, meine Stimme machte nicht mit und ich fühlte mich so schlapp, daher meinte ich nur leise zu ihm: „Ich kann mich heute nicht mit Ihnen streiten, Herr Bamberg. Entweder wir sprechen in normaler Lautstärke oder wir sprechen ein ander Mal.“
Wir sprechen dann ein ander Mal.

Als ich mit meiner Mutter gesprochen habe, fiel mir wieder einmal auf, wie anstrengend dieser Job ist. Man darf das nicht unterschätzen. Meine Kolleg*innen, die den Psychiatriefacharzt machen, müssen für ihren Facharzt eine Psychotherapieausbildung machen. Im Rahmen dieser Ausbildung werden sie alle supervidiert, das bedeutet, dass sie selbst eine Therapeutin haben. Mit ihr können sie dann auch die Herausforderungen des Alltags auf der Akutpsychiatrie besprechen. Ich hingegen habe das nicht, weil ich keine Psychotherapieausbildung mache und daher auch nicht supervidiert werde. Ich merke dieser Tage, dass es doch ganz schön wäre, wenn es dafür ein Format bei der Arbeit gäbe, sozusagen einen Kummerkasten, wo man sich über die Schwierigkeiten des Alltags austauschen kann.

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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