Sie wurden auch dokumentiert.

Heute ist eigentlich Sonntag, das heißt, ich habe gar nicht gearbeitet. Dennoch sind mir gestern noch zwei Dinge eingefallen, die ich gerne aufschreiben will.

Als ich neulich mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit war, musste ich an einer Ampel in der Nähe des Krankenhauses anhalten. Als ich auf die Ampel zufuhr, fiel mir schon eine Gestalt ins Auge, ein Mittvierziger mit langen, strähnigen aschblonden Haaren, die zu einem öligen Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Er guckte ziemlich missmutig und sah etwas orientierungslos aus. Es war Herr Kaffes, ein Patient, der vor wenigen Monaten bereits einmal bei uns gewesen war. Auch er hat eine Schizophrenie, bei ihm äußert sie sich vor allem durch Beeinträchigungserleben – alle wollen ihm eins auswischen. Er ist immer das Opfer. Er schreibt jeden Tag unzählige Anzeigen an die Polizei, weil ihm ständig etwas passiert: jemand schubst ihn im Bus, jemand sammelt Daten über ihn, jemand gibt sich als Polizist aus, ist aber insgeheim ein Komplize des Nachbarn, der ihn aus dem Haus haben möchte… Um für alle seine Anzeigen auch Beweißmaterial zu haben, filmt Herr Kaffes immer alles und jeden. Auch im Krankenhaus, wo Videoaufnahmen wirklich strikt verboten sind, hat er das Personal aufgenommen: er dachte natürlich, dass wir nicht in einem Krankenhaus sind, sondern dass das alles eine Farce ist, dass wir alles nur Schauspieler sind, die sich eigentlich alle gerade strafbar machen. Um allen mitzuteilen, dass er sie durchschaut hat, bastelt er immer sehr kunstvolle Collagen (er ist künstlerlich tatsächlich ziemlich begabt), auf denen draufsteht: auch Sie wurden dokumentiert. Die Collagen schiebt er dann unter der Bürotür durch. Ich fragte mich immer, wobei ich denn dokumentiert wurde. Beim Nasebohren?
Man sieht ihn seit seiner Entlassung immer wieder vor dem Eingang des Krankenhauses stehen, um das Kommen und Gehen des Personals, aber auch der Patienten zu filmen. Auch das ist natürlich illegal, das interessiert ihn aber nicht.

Jedenfalls habe ich ihn, Herrn Kaffes, an der Ampel stehen sehen. Ich habe mit dem Fahrrad an der Ampel angehalten und wollte mich unauffällig verhalten, aber es dauerte nicht eine Sekunde, da wurde mir ein metallblaues Huawei-Handy ins Gesicht gesteckt. „Herr Kaffes, lassen Sie das“, knurrte ich ungemütlich. „Ach, Sie kennen mich also?“ fragte er erstaunt, wobei er mich immer weiter filmte. Ich versuchte, mit meiner Hand die Kamera zu verdecken. „Ja, natürlich kennen wir uns, Herr Kaffes, und jetzt stecken Sie ihr Handy weg, sonst rufe ich die Polizei“, erwiderte ich bestimmt. Er tat nichts dergleichen. Weil die Ampel dann grün war, fuhr ich einfach weiter und dachte mir nichts weiter dabei.
Als ich am nächsten Tag meinen Oberarzt in der Freitagsbesprechung sah, teilte er mir mit einem Schmunzeln mit: „Herr Kaffes hat dich übrigens dokumentiert. Er hat mir heute eine Email geschickt. Er wusste aber deinen Namen nicht.“ Das macht Herr Kaffes nämlich: erst sammelt er Daten, dann schickt er sie in irgendeiner Form an jemanden (Oberärztin, Polizei, Staatsanwaltschaft). Natürlich weiß niemand, was damit anzufangen ist. Die Polizei ist schon genervt von all den „Anzeigen“, die er immer wieder stellt.
Dieses Leben ist schon unglaublich: man ist eigentlich nur den ganzen Tag damit beschäftigt zu dokumentieren, wie alle einem Unrecht tun und wie alle „gegen das Gesetz“ verstoßen. Und niemand nimmt einen Ernst. Er könnte einem auch echt Leid tun, wenn er nicht so verdammt unsympathisch wäre.

Die andere Geschichte, die ich eher kurz halten möchte, war, dass mich am Freitag einer der Patienten angegriffen hat. Er fragte mich nach Zigaretten, als ich durch den Flur lief. Meine Antwort war die übliche: „Da müssen Sie jemanden von der Pflege fragen.“ Die Antwort gefiel dem 63-Jährigen wohl nicht. Mit saurer Miene boxte er mich in den Brustkorb, dann schubste er mich mit beiden Händen an den Schultern gegen die Wand. „Sagen Sie mal, geht’s noch?“ rief ich völlig irritiert. „Sie sollten jetzt erstmal 30 min. im Zimmer bleiben, bis Sie sich unter Kontrolle haben.“ Er trollte sich. Es ist nichts weiter passiert, trotzdem finde ich es schon bemerkenswert, was für ein Arbeitsplatz das ist. Wieviele Menschen werden bei der Arbeit geschubst und geboxt?

Was ich noch viel unglaublicher finde, ist, dass ich die beiden Geschichte da oben gar nicht zuhause erzählt habe. Es war einfach nichts Besonderes. Gefilmt zu werden auf dem Weg zu Arbeit ist nichts Besonderes. Dass mein Foto meinem Oberarzt geschickt wird, ist nichts Besonderes. Dass ich geboxt und geschubst werde, weil mein Patient Zigaretten möchte, ist nichts Besonderes. Es wird einfach total normalisiert. Ich finde das gefährlich; deshalb schreibe ich meine Gedanken auch hier auf: damit ich selbst auch nochmal darüber reflektiere, was so mein Alltag ist.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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