Am Freitag scheint sich die Woche immer noch einmal zu verdichten. Irgendwie gibt es immer viele Aufnahmen, Patienten eskalieren total, Dinge klappen nicht, Leute sind schlecht gelaunt… und so kommt dann irgendwie das Freitagsgefühl auf. So läuft es zumindest bei meiner Arbeit. Heute lief es tatsächlich etwas besser als oben beschrieben, dennoch war ich total übermüdet von dieser einfach anstrengenden Woche (besser: von diesen anstrengenden Wochen!).
Am meisten hatte ich heute mit Herrn Prettau zu tun. Weil er gestern einfach nicht zu begrenzen war und er sich an keine Regeln halten konnte, wurde er abends fixiert. Heute früh war er immer noch in der Fixierung und tat so, als würde er gar nicht verstehen, warum. Er habe doch einfach die Zeit im Garten vergessen, er habe einfach keine Uhr (er sollte 30 min. in den Garten gehen, er hat 5 Stunden daraus gemacht – diesen Unterschied merkt man auch ohne Uhr). Herr Prettau behält gern die Kontrolle und wenn er merkt, dass er eine Situation nicht kontrollieren kann, dann sucht er sich seinen kleinen Autonomiebereich: in der Fixierung weigert er sich beispielsweise, die Urinflasche zu benutzen. Er macht sich lieber in die Hose. Man versteht erstmal gar nicht, warum, bis man drauf kommt: natürlich ist es für das Personal wesentlich mehr Arbeit, immer die Bettwäsche zu wechseln als einfach eine Urinflasche wegzutragen. So will er uns alle halt doch nochmal zeigen, wer hier der Chef ist.
Heute ging es darum, ihn zu defixieren. Dazu müssen mit dem Patienten zunächst Absprachen getroffen werden können: was passiert nach der Defixierung? Wie werden sie sich verhalten? Und so weiter. Mit Herrn Prettau war das einfach total schwierig. Er hat durch seine Erkrankung (schizoaffektiv-manische Störung) einfach auch eine Auffassungstörung, er versteht Vieles einfach nicht. Aber den Rest, den er verstehen könnte, den will er auch nicht verstehen, weil er uns gerne auf der Nase herumtanzen will. Das ist zumindest der Eindruck, der entsteht. Glücklicherweise konnten wir ihn heute ohne große Probleme defixieren. Ich bin gespannt, wie das Wochenende wird.
Wer heute auch noch ziemlich angespannt war, war Herr Barber, der Ungare. Er hat tatsächlich einen Fluchtversuch unternommen: er ist einfach aus der Tür geschlüpft, als gerade jemand reingekommen ist. Ich musste ihm dann nochmal erklären, dass er ja richterlich untergebracht ist, und dass das bedeutet, dass er im Falle einer Flucht polizeilich gefahndet wird und in unsere Klinik zurückgeführt werden wird. Herr Barber ist auch tatsächlich noch so schlau und geordnet, dass er das verstehen kann. Herr Prettau würde das einfach nicht begreifen. Als Herr Barber mich dann in seinem manischen Größenwahn etwas überheblich behandelt hat, war er ziemlich gereizt: ich solle ihm keine Hilfe geben, wenn er meine Hilfe gar nicht brauchen würde. Er sei Google Translate, er spreche 5 Sprachen, außerdem habe er vor, im Herbst mit dem Medizinstudium zu beginnen, aber er wolle ein besserer Arzt werden als ich es bin, einer, der nur Menschen behandelt, die auch seine Hilfe wollen.
Er hat offensichtlich noch nie etwas mit Psychosepatienten zu tun gehabt.
Frau Erle hat mit heute angesprochen: „Bin ich krank?“, fragte sie. „Ich denke schon, Frau Erle, deshalb sind Sie ja hier“, antwortete ich in mitleidigem Tonfall. „Ich glaube an Komplotte“, sagte sie. Ich denke, sie meinte sie ihre Verfolgungsideen. „Ja, ich glaube, das ist Ausdruck Ihrer Erkrankung“, klärte ich auf. „Ich glaube an die Weltregierung.“ Die Weltregierung… Naja. In den letzten Tage sucht sie immer wieder Kontakt zu mir. Ich glaube ja, dass sie irgendein Anliegen oder irgendeine Sorge hat, und dass sie sie in ihrem zerfahrenen Denken gar nicht ausdrücken kann. Sie hat nur immer wieder den Impuls, sich Hilfe zu suchen. „Wollen wir sprechen?“, fragt sie mich dann auf dem Flur. „Ja, gerne, Frau Erle, worüber denn?“ „Hmm, das fällt mir dann in Ihrem Büro ein“, gibt sie zurück. In meinem Büro sprechen wir von Avocados.
-M