Was man von seinen Patienten lernen kann

Letzte Nacht hatte ich wieder einen 24-Stunden-Dienst. Dieser war zum Glück wesentlich entspannter als der letzte am Montag. Über weite Strecken hat das Diensttelefon nicht geklingelt, sodass ich auch wirklich Pause machen konnte. Wenn man um 9.30 Uhr anfängt zu arbeiten, dann ist man eigentlich um 17 Uhr schon ziemlich am Ende der Kräfte angelangt, aber in einem solchen Dienst geht es einfach immer weiter und weiter. Ich war daher ziemlich froh darüber, dass ich zwischen 17 und 19 Uhr eigentlich fast keine Anrufe bekommen habe. Dieses Diensttelefon ist wirklich eine ziemliche Stresskomponente, weil man einfach nie weiß, wann es klingelt und was dann dahinter für eine Aufgabe auf einen wartet. Ruft einfach die Station an, weil eine Patientin nicht schlafen kann und eine Einschlaftablette braucht? Oder ruft die Pforte an, weil die Polizei und der Rettungsdienst einen völlig alkoholisierten, fremdaggressiven Obdachlosen in Hanndschellen mitbringt, der einen wild beschimpft? Ich denke, viele Berufe haben dieses Element von Unvorhersehbarkeit einfach nicht. Das Telefon ist irgendwann einfach aus oder man loggt sich aus dem System aus und bekommt keine Nachrichten mehr. Oder man kann Dinnge aufschieben. Das geht in meinem Beruf einfach nicht. Es muss immer jetzt sofort sein, egal ob es um 2 Uhr nachts ist und man gerade eingeschlafen ist. Daher schlafe ich auch schlecht im Bereitschaftsdienst, als ob mein Körper immer etwas aktiviert bleiben wollte. Dabei ist das Bereitschaftszimmer sehr nett eingerichtet: neben einem Bett und einem Schreibtisch mit Computer gibt es einen Fernsehen an der Wand, einen Kühlschrank für die Snacks, die man so mitgebracht hat, eine Dusche und einen Dyson-Ventilator für die heißen Sommernächte.

Herr Bamberg hat sich diese Woche echt gut gehalten. Er musste nur einmal fixiert werden, und auch das war eher kurz. Den Rest der Woche konnte man sich wirklich ganz gut mit ihm unterhalten, ich fand ihn sogar ganz angenehm. Als ich neulich so darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass man dieses Entwicklung nur in der Psychiarie mitkriegt. Die Patienten sind lange genug da, um sie wirklich kennenzulernen. Anfangs hat man immer einen ziemlich unangenehmen Eindruck von ihnen, weil sie gereizt und wahnhaft sind, aber wenn dann einige Wochen vergehen und sie Medikamente nehmen, merkt man erst, was für nette Menschen teilweise darunter stecken. Diesen Luxus habe ich in der Neurologie nicht: wenn ich da einen schlechten Eindruck von meinen Patienten bekomme, wird dieser Eindruck nicht mehr korrigiert, weil sie meist nach 5-7 Tagen wieder entlassen werden.
Ich habe das auch schon von einigen Kollegen gehört, dass eben genau das auch das Schöne an Psychiatrie ist: dass man langfristig mit Personen arbeiten kann und dass man in dieser Arbeit auch Dinge an sich selber bemerkt: was nervt einen? Wie geht man mit bestimmten Dingen um? Von welchem Typ Mensch lässt man sich zu leicht manipulieren? Die Begegnung mit den Patienten wird daher gleichzeitig eine Gelegenheit, an sich zu arbeiten, wenn man sie denn wahrnehmen möchte. Das habe ich von Herrn Bamberg gelernt.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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