6 Aufnahmen und eine kaputte Herzpumpe

Nachdem ich gestern frei hatte, weil ich ja Montag im Nachtdienst war, ging ich heute gut ausgeruht zur Arbeit. Der Nachtdienst am Montag hatte es in sich: 6 Aufnahmen, davon kamen sicher mehr als die Hälfte mit Polizei. Ein Mann beispielsweise hatte sich mit seinem Nachbarn gestritten und ist wohl tätlich geworden. Als die Polizei dazukam, hat er sich auf den Boden geworfen, sich wild hin- und hergewälzt und geschriehen: „Ich habe Epilepsie!“. Als die Polizei dann die Feuerwehr dazurief, schlug, kratzte und spuckte der Mann, sodass er mit 10 Polizisten und Feuerwehr in unsere Klinik gebracht wurde. Er war in Handschellen, lag auf dem Bauch auf der Trage, hatte einen Spuckschutz auf und war völlig agitiert. Als ich ihn laut fragte, wie denn sein Name war, schrie er immer wieder: „Eine Minute, bitte! Eine Minute, bitte!“. Nach der Minute kam aber weiterhin nichts, er rief einfach weiter „eine Minute, bitte!“. Ich war echt interessiert, was diesen Zustand ausgelöst hatte bei diesem Mann. Aber die Antwort kam so schnell wie das Ergebnis des Atemalkoholtests: 1.75 Promille. Weil er nicht zu beruhigen war, übernahm ich in in Fixierung, das heißt, er wurde von den Handschellen losgemacht und direkt auf einem Bett mit Gurten fixiert. Irgendwie hat er dann doch geschafft, einfach direkt sein Handy aus der Tasche zu holen und erstmal per Videocall seine Frau anzurufen und lautstark auf Arabisch zu telefonieren. Schon ziemlich unglaublich! Ich musste mich echt durchsetzen, damit ich überhaupt erstmal Blut abnehmen und einen Covid-Abstrich durchführen konnte. Als er dann am Morgen ausgenüchtert war, stand er entspannt im Flur und holte sich Frühstück ab als sei nie was gewesen.

Eine Auswahl an Kontakten, die ich Montag Nacht hatte:
eine junge Frau, die aus Eifersucht den Namen der neuen Freundin des Exfreundes in dessen Tür geritzt hat und deshalb schon Anzeigen wegen Stalkings hatte.
ein älterer Herr, der sich in suizidaler Absicht den Schlauch seiner externen Herzpumpe gezogen hatte.
eine ältere Dame, welche sich umbringen wolle, indem sie sich die Pulsadern aufschneiden wollte, dann aber gemerkt hat, dass sie gar nicht weiß, wo die Pulsadern sind und sich deshalb einfach überall an den Unterarmen oberflächliche Schnittverletzungen zugefügt hat, nachdem sie 2 Gläser Wein, einen Piccolo-Schnaps und 3 Tabletten Ibuprofen eingenommen hatte, damit es nicht so weh tut.
eine junge Frau mit einer geistigen Entwicklungsstörung, die seit anderthalb Wochen nur noch schreit „wir sind bald ganz unten!“, nachdem sie einen Horrorfilm mit ihrer Mutter gesehen hatte.
ein junger Flüchtling aus Syrien, der im Gespräch mit seiner Therapeutin erzähl hatte, dass er nicht mehr weiter wüsste und er sich eine Waffe kaufen wollte, um sich umzubringen (die Therapeutin hat mir danach übrigens eine überaus flirty Email geschrieben („hab dich jetzt einfach mal geduzt, so lernt man sich im Haus doch mal kennen ;)“).
eine Patientin von Station, die mit einem Stuhl nach dem Pflegepersonal geworfen hat und dann auf ihrem Bett stand ein Radiogerät am Kabel über ihren Kopf wie ein Lasso schwang, um damit den Pfleger zu treffen.
ein junger Mann mit Autismus und Intelligenzminderung, der einfach nicht verstand, warum er jetzt im Krankenhaus bleiben musste (er hatte in seinem Wohnheim die anderen Bewohner geschubst, ihnen ein Bein gestellt und das Pfegepersonal geschlagen.
und viele mehr.

Heute hingegen war es ein wesentlich ruhigerer Tag. Herr Bamberg, der letzte Woche wieder abgehauen war, hat mir erzählt, dass er in dieser Zeit auf dem CSD getanzt hatte. Dann sei er der Polizei aufgefallen, weil er versucht hatte, „einen Baum zu spalten – mit bloßer Muskelkraft und Hebelkraft“. Er erzählte mir das mit einer Ernsthaftigkeit, es war kaum zu glauben. Er hat wirklich auch technisches Verständnis: letzte Woche hat er bei seinem Ausbruch das Alarmsystem der Türen lahmgelegt, sodass er die Tür öffnen konnte, ohne dass es jemand merkt. Fast wie bei Ocean’s 11. Ich muss sagen, ich mag ihn irgendwie. Wenn er nicht total psychotisch ist, ist er ein echt netter Typ.
Herr Brodowski hat heute so geweint. Er ist wirklich völlig verzweifelt. Er hat noch gar keine Krankheitseinsicht, er denkt, wir halten ihn einfach gegen seinen Willen im Krankenhaus fest. Er wusste sich wirklich nicht mehr zu helfen. Dabei sind es schon 3 Wochen, langsam müsste eine Besserung eintreten. Und wenn die Menschen erstmal sehen, dass sie eigentlich die ganze Zeit psychotisch waren, dann mekren sie plötzlich, dass es ihnen immer besser geht und normalerweise macht das Therapie schöner und angenehmer für sie. Sie halten die Länge der Therapie dann einfach besser aus. Aber bei Herrn Brodowksi ist dieser Moment einfach noch nicht gekommen und er sieht langsam nicht mehr ein, warum er überhaupt bei uns ist (für ihn ändert sich ja nichts!). Ich musste ihn zusammen mit Selma, der Sozialarbeiterin, echt eine Weile bearbeiten, bis wir ihn beruhigen konnten. Aber irgendwie haben wir es geschafft.
Ansonsten war es ziemlich ruhig.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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