Tatsächlich habe ich das Wochenende über über Herrn Mayar nachgedacht. Es ist tatsächlich echt schwierig, wenn man jeden Tag zu Arbeit kommt und man genau weiß, dass einen die Patienten nicht sehen wollen; dass sie nicht behandelt werden wollen; dass es ihnen alles egal ist, was man für sie macht. Manchmal möchte ich sie schütteln und rufen: „Sag mal, weißt du, wieviel Zeit ich damit verbringe, über dich und deine Therapie zu reden, darüber nachzudenken, mich im Team zu beraten? Weißt du, wieviel ich über dich in meiner Freizeit nachdenke?“ Es ist einfach sehr undankar im Moment. Herr Mayar hat wieder Cannabis auf Station mitgebracht. Herr Ercan hat wieder Enrico einen Faustschlag verpasst, gerade, als wir dachten, er kommt aus seiner Psychose raus. Herr Kranau spricht nur mit geschlossenem Mund und wenn er ihn öffnet, dann nur, um etwas Homophobes oder Degradierendes zu sagen. Herr Zieleziski will einfach nur nach Hause und mit seinen Stimmen allein sein, bis er sich wieder Motorendiesel in die Vene spritzt. Nur mein guter Herr Broda ist weiter freundlich und angepasst. Er weiß zwar immer noch nicht, dass er nicht mehr in seine Wohnung zurückkann, aber zumindest ist er angenehm auf Station. Er braucht noch ein bisschen, bis er in seine therapeutische WG ziehen kann, aber der Weg bis dahin ist wirklich sehr angenehm.
Also letzte Woche war schon ziemlich kräftezehrend. Ich habe gemerkt, ich bin viel zu investiert. Ich fühle mich persönlich angegriffen, wenn Patienten Blödsinnn machen. Und das kann man verstehen, wenn man homophob beleidigt wird von einem Menschen, der sonst nur mit geschlossenem Mund kommuniziert. Aber im Falle von Herrn Mayar und Herrn Ercan ist es wirklich die Krankheit (Cannabisabhängigkeit und Psychose), die dafür verantwortlich sind. Ich habe mir letzte Woche dann immer wieder gedacht: „Loslassen. Ich kann nur jeden Tag meine Hand anbieten, mehr nicht. Wenn sie reinspucken wollen, ist das ok. Ich werde einfach am nächsten Tag nochmal da sein und meine Hand anbieten.“ Aber mehr eben auch nicht.
Tatsächlich war dieser Montag dann einfacher. Montags ist sowieso immer Oberarztvisite, Supervision und manchmal sogar noch Orga-Team, also hat man mit Patienten eigentlich nur während der Visite zu tun. Der Rest des Tages ist einfach nur eine Sitzung nach der anderen. Aber ich habe tatsächlich etwas Abstand zu meinen Patienten gehabt. Herr Ercan hat während der Visite wieder seinen Penis rausgezogen, um Hallo zu sagen. Und Herr Kranau hat eine prosodische Tirade in 130% Lautstärke abgelassen, wie wir es überhaupt wagen können, ihm allopathische Medizin zu verschreiben. Was das hier überhaupt für ein Krankenhaus wäre, wir hätten doch keine Körperanwendungen, niemand sei anthroposophisch ausgebildet. Es war das erste Mal, dass ich ihn länger sprechen habe hören und das war interessant, aber auch ziemlich respekteinflößend. Er spricht wirklich sehr laut, ist gut 190 cm groß und redet sich gerne in Rage. Dann wirkt er auch etwas bedrohlich. Gut, dass wir so viele sind in der Oberarztvisite.
Im Gespräch mit Isabel, die ja in einer anthropsophischen Klinik gearbeitet hat, habe ich dann rausgefunden, warum Herr Kächler seine Mutter für seine Schizophrenie verantwortlich macht: die anthroposophische Krankheitstherorie ist, dass sich die Ich-Störungen bei der Schizophrenie dadurch bilden, dass es eine zu präsente Mutter gibt, welche die Bildung der Grenze zwischen Selbst und Fremd verhindert (wenn sie beispielsweise bis ins Schulalter Sprache verwendet wie „Wir haben heute unsere Impfung bekommen!“ und damit aber nur den Sohn meint; natürlich würde eine anthroposophisch orientierte Mutter niemals von Impfungen sprechen, aber das ist eine andere Geschichte). Außerdem hat Isabell mir erklärt, warum er mit schon am ersten Tag eine homophobe Beschimpfung an den Kopf geworfen hat: Schwule und Lesben sind nach anthroposophischem Verständnis in einer Entwicklungsstufe steckengeblieben. Ich habe echt Schwierigkeiten, diesen Patienten gut behandeln zu wollen nach alledem. Vielleicht werde ich ihn abgeben an Isabel, die da einfach auch mehr Hintergrundwissen hat als ich.