Heute war die Begutachtung von Herrn Bamberg. Wenn man als Arzt oder Ärztin denkt, dass er Patient unbedingt mediziert werden muss und dieser Patient einen rechtlichen Betreuer hat, kann man mit diesem einen Antrag auf Zwangsmedikation stellen. Eine Richterin oder ein Richter entscheiden dann, ob sie das für sinnvoll halten oder nicht. Um das entscheiden zu können, entsenden sie einen externen Gutachter in die Klinik, der den Patienten begutachten soll und sich sozusagen ein objektives Bild machen soll. Das ist heute für Herrn Bamberg passiert: der externe Gutachter war da. Herr Lessing ist ein großer Mann mit Glatze und einem geblümten T-Shirt, welches wegen der Sommerhitze bereits einige Schwißflecken trug. Er unterhielt sich lange mit Herrn Bamberg und versuchte, sich ein ausführliches Bild von ihm zu machen. Tatsächlich hat Herr Bamberg sich heute auch angestrengt: er war wesentlich ruhiger als noch gestern (wo er noch sein Buch über keltische Mythen gesucht hatte) und kaum aufbrausend. Der Gutachter wollte danach auch noch mit mir sprechen. Auch er hat den Verdacht geäußert, dass Herr Bamberg keine klassische paranoide Schizophrenie hat, sondern ein schizoaffektive Störung, welche sich bei ihm mit einem manischen Anteil äußert. Wir saßen beide in meinem Büro ohne Kittel, weil es draußen 33° C hatte. Der Ventilator summte leise. Herr Lessing erzählte, dass er Herrn Bamberg bereits zweimal begutachtet hatte und beide Male auch die Notwendigkeit einer Zwangsmedikation gesehen hatte. Nachdem er erst meinen Behandlungsplan, der Teil des Antrags auf Zwangsmedikation ist, gelobt hat, kommentierte er sogleich hinterher, dass der Teil, in welchem mögliche Medikamente aufgezählt wurden, richtig schlecht sei. „Man kann nicht einfach alle Neuroleptika hintereinanderweg aufzählen, und dann auch noch in so komischen Dosierungen“, sagte er, als er mir die alten Gutachten aushändigte, welche je 15 Seiten lang waren. Er schien gründlich zu arbeiten, dieser Herr Lessing. Den abwertenden Kommentar überging ich gekonnt, ganz in der Manier der Psychiater. Das lerne ich auch in diesem Jahr in der Psychiatrie: sich nicht auf alle diese kleinen Spielchen einlassen. Es ist wie eine kleine Superkraft, denn man merkt, wie es den anderen fuchsig macht, wenn man auf solche Dinge nicht eingeht.
Als ich heute zur Visite im Zimmer bei Frau Daneer war, traf ich auch auf ihre Zimmernachbarin, Frau Erle.
„Wie geht es Ihnen, Frau Erle? Alles gut bei Ihnen?“
„Ja, super. Sind Sie eine Psychoperson oder ein Verschwörungstheoretiker?“
„Tja, das weiß ich jetzt auch nicht, Frau Erle. Was meinen Sie denn mit Psychoperson?“
„Hmmm… je pas“, sagte sie auf Französisch. Sie sprach immer wieder recht gutes Französisch.
„Je pas?“, wiederholte ich.
„Ja. Haben Sie Französisch auch in Hamburg gelernt? Da gibt es einen Hafen. Aber da fahren keine Schiffe nach Amerika. Die fahren von Marseilles.“
„Ja, das stimmt wohl.“
„Sind Sie eine Psychoperson oder ein Verschwörungstheoretiker? Ich bin eine Verschwörungstheoretikerin.“
„Ach so. An was für Verschwörungen glauben Sie denn?“
„Ich glaube, dass in den USA Autobahnen gebaut werden. Und dass dort die Journalisten unterdrückt werden.“
„Aha, na klingt aber beides ziemlich glaubhaft.“
„Ja…“
Gestern hat sie auch in der Gruppenvisite wieder den Vogel abgeschossen. Als der junge, psychotische Herr Brodowski dran war, jammerte er ganz verzweifelt: „Wann kann ich denn wieder hier raus? Mir geht es hier immer schlechter! Ich weiß nicht, was ich hier soll!“ Frau Erle belehrte ihn: „Du musst sagen: ich bin psychotisch und ich gehöre hierher. Na los.“ Das hat den armen Jungen natürlich noch mehr verunsichert. Er ruft auch seine Mutter am laufenden Band an, 4-5x pro Tag. Immer wieder, immer wieder. Die Mutter hat uns schon kontaktiert, weil sie uns bitten wollte, dass wir ihm das Stationstelefon nicht mehr aushändigen, weil es vollkomme Überhand genommen hat. 2 Wochen Olanzapin haben ihm noch nicht viel gebracht. Aber das wird schon noch werden. Ich glaube, er hat gute Voraussetzungen, wieder ziemlich gesund zu werden.
Aber jetzt geht’s erstmal in den Urlaub. Bis bald!
-M