Zwei Herr Bambergs

Als ich heute zur Arbeit gekommen bin, war Herr Bamberg schon wieder fixiert. Er war am Abend vorher noch ziemlich aktiv geworden und hat die Steckdosen aus der Wand im Patientenzimmer herausgezogen und an den Stromkabeln manipuliert. Er fühle sich beobachtet und die Stromwellen beeinflussten wohl sein Gehirn, sagte er. Ob er wohl Elektrosmog meinte? Als er dann aber auch noch sagte, dass der Boden aus Glasfaser bestehe und man deswegen aufpassen müsse, wohin man trete, war es klar: er ist also doch psychotisch. Dabei hatte ich gestern so ein gutes Gespräch mit ihm, es war wirklich fantastisch. Er hat mir 40 Minuten lang ruhig und geordnet von seiner Krankengeschichte erzählt, warum er immer Cannabis und Amphetamine mische und wieviele Langzeitunterbringungen er schon hinter sich habe. Tatsächlich ist zum ersten Mal auch etwas Psychotischen dabei gewesen. Er schlafe nicht gerne, weil er Angst habe, gebissen zu werden. Gebissen von was? Er habe es noch nie gesehen, aber er vermute, dass er aussehe wie eine Schlange mit Flügeln. Sie fliegt herum und sucht ihn. Ob sie Gift speihe oder beiße, wisse er noch nicht. Aber er sei sich sicher, dass es sie gebe. Alles wüssten von ihr, aber aller verschweigen es. Er habe die Schlange nur einmal als Cartoon in einem Comic gesehen.
Ich war erstmal ziemlich sprachlos: zum Ersten hatte ich bisher keine wahnhafte Symptomatik bei ihm feststellen können. Ich dachte, er ist einfach gereizt-manisch. Zum Zweiten war er wirklich ruhig und geordnet, so, wie ich ihn fast noch nie erlebt hatte. Deshalb war ich auch so verwundert, dass er heute früh in der Fixierung war.
Ich war tatsächlich so erstaunt, dass ich fragte: „Aber Herr Bamberg, können Sie mir eines erklären? Warum kann man manchmal so nett mit Ihnen plaudern und andere Male schreien Sie nur rum versuchen, sich die Gardinen im Patientenzimmer in den Mund zu stopfen? Es ist fast, als gäbe es 2 Herr Bambergs!“ „Ja, es gibt einfach 2 Herr Bambergs“, meinte er dazu. „Einer ist laut und der andere ist eigentlich ein ganz lieber, entspannter und gesetzter Herr Bamberg.“ Diese Einsicht fand ich ziemlich spannend.
Ich konnte ihn heute zum Glück schnell defixieren, das ging aber nur kurz gut. Dann fing er wieder an, lautstark auf dem Stationsflur zu randalieren, Leute anzuschreien, die Post, die er vom Gericht bekommen hatte, aus dem Fenster zu werfen. Alles wieder auf Anfang also. Ich wollte ihn nochmal einfangen, um ein ernstes Wort mit ihm zu sprechen. Die Zimmertür war offen: auf dem Boden lag Müll, zerrissene Seiten eines Buches, eine zerrissene Hose. Auf dem Tisch befanden sich noch die herausgerissenen Steckdosen vom Abend vorher. Auf dem Fensterbrett lag eine herausgerissene Yucca-Palme ohne topf. Auf dem Schrank stand ein Stuhl. Das Zimmer eines Manikers also. „Was haben Sie denn mit der Pflanze da gemacht?“, fragte ich verdutzt. „Ich musste sie spalten“, gab er zurück. Ach so, na dann. „Ich habe hier schon seit gestern mein Buch gesucht, und niemand sagt mir, dass es im Fernsehraum ist! Warum sagt mir das denn niemand? Ich habe doch alle gefragt!“ rief er aufgeregt. „Was für ein Buch denn?“ „Ein Buch über keltische Mythologie!“ „Herr Bamberg, so wie dieses Zimmer aussieht, gehe ich mal davon aus, dass Sie das Buch selber irgendwo liegen lassen haben“, sagte ich. „Nein, das habe ich ganz bestimmt nicht gemacht! Jemand wollte es klauen! Es klauen immer alle was von mir! Einem armen Obdachlosen!“ schrie er gequält. Ach, Herr Bamberg, dachte ich bei mir, Sie bauen hier ständig alles auseinander, kein Wunder, dass Sie all ihre Habseligkeiten verlieren. Er kam ja auch nur mit einer Lumpenhose in die Klinik.
Morgen wird die Anhörung sein, in welcher entschieden wird, ob er zwangsmediziert werden soll oder nicht. Ich bin ja gespannt, wie er sich macht vor der Richterin.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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