Der junge Herr Brodowski hat heute viel erzählt. Er ist ja letzte Woche gekommen, weil er einen Selbstmordversuch mit Paracetamol unternommen hat. Glücklicherweise ist es alles gut gegangen, aber es zeigt ja dennoch, wie verzweifelt er war. Und heute hat er mit einmal in aller Ruhe in Anwesenheit seiner Mutter erzählt, was ihm alles auf dem Herzen liegt. Alles habe vor 2 Jahren angefangen. Er habe den Nachbarn in seinem Studentenwohnheim verdächtigt, einen Mord gegen ihn zu planen. „Ich habe ihn immer bis spät in die Nacht am Computer tippen hören“, erzählte er mir. „Ich habe dann später herausgefunden, dass er mich ermorden möchte. Er hat ein Bild davon gemalt, ich habe es in seinen alten Schulsachen gefunden.“ Was er in den alten Schulsachen seines Wohnheimnachbarn zu suchen hatte, das sei mal dahingestellt. Das Bild, auf dem er sich offensichtlich selbst wiedererkannt hatte, zeigte ihn, wie ihm die Augen ausgestochen und das Herz erstochen und der Bauch aufgeschnitten wurde – alles gleichzeitig. Ohne Zweifel klingt dies wie ein gruseliges Bild; aber es gehört dennoch etwas Psychose dazu, um daraus schlusszufolgern, dass man einer echten Bedrohung ausgesetzt ist. „Beim Joggen habe ich gemerkt: die Leute um mich rum rufen sich gegenseitig an, wegen mir. Dann bin ich durch einen kleinen Parkabschnitt gelaufen und dort standen dann 3 Volvos mit Leichensäcken!“ Der Umstand, dass man 3 Volvos als Gefahr deutet, nennt man Wahnwahrnehmung: es gibt eine reelle Wahrnehmung, die dann wahnhaft interpretiert wird. Ein schwarzes Auto steht vor meinem Hause: der Geheimdienst verfolgt mich. „Als ich in England war, hat mein Nachhilfelehrer immer gewollt, dass ich sein Wasser trinke. Dabei wollte ich gar kein Wasser, ich wollte einfach nur Nachhilfe! Ich habe doch gehört, wie er da vorher das Wasser mit irgendetwas gerührt hat, einem Löffel, einem Messer oder so. Und das Wasser sah auch nicht mehr ganz klar aus. Als ich dann schnell gegangen bin, habe ich gesehen: er hatte eine Leichensäge! Der wollte mich umbringen!“ erzählte Herr Brodowski aufgeregt.
So ging das für 30 Minuten weiter: mehr und mehr Geschichten häuften sich, wo Menschen ihn töten oder ihm schaden wollten. Der Arme war echt verzweifelt. Warum hat denn die ganze Welt etwas gegen ihn?
Herr Bamberg ist heute von der Oberärztin aus der Fixierung gelassen worden. Sie hat das einfach frühmorgens entschieden und ist da ziemlich alleine hingegangen, ohne das vorher im Team zu besprechen. Ich war nämlich total überrascht, dass ich ihn plötzlich auf dem Stationsflur gesehen habe. „Herr Doktor“, sprach er mich an, „ich hab mal ne Frage zu meinem Gerichtsbeschluss hier, ich glaube, das ist etwas falsch.“ Sein Tonfall war wirklich völlig normal, adäquat, fast zahm. Er zeigte mir die Gerichtspost, die er bekommen hatte. „Da steht, dass ich für 6 Wochen bleiben muss, aber hier steht gar nicht, wieso.“ „Ja, da haben Sie Recht, Herr Brodowski“, gab ich zu. Es stand wirklich keine Begründung da. Was mich aber noch mehr überrascht hat, war, wie angenehm das Gespräch mit ihm war. Auch ein anderer chronischer Schizophreniepatient, den ich eigentlich immer nur griesgrämig erlebt habe, war heute gut gelaunt. „Herr Doktor, die Stimme meiner Großtante in meinem Kopf sagt mir, dass ich 23 Kinder missbraucht habe“, teilte er mir auf dem Flur mit. „Oh“, sagte ich, „na das klingt ja eher unwahrscheinlich, nicht?“ Da wich sein fragendes Gesicht plötzlich einem breiten Grinsen und er lachte lauthals. „Ja, das klingt unwahrscheinlich, würde ich auch sagen!“ Amüsiert watschelte er von dannen. Dieser Patient ist seit einem halben Jahr auf unserer Station, war viele Male schon in Fxierung und das Thema vieler Helferkonferenzen und Gefahrnesituationen. Seit wenigen Wochen bekommt er ein ziemlich hochdosiertes Medikament als Depot in den Muskel gespritzt und die ganze Station merkt, dass er entspannter und einfach netter wird. Er ist sonst immer wahnsinnig missmutig. Diese Krankheit macht Menschen auf einfach gereizt, man lernt sie dann erst dann wirklich kennen, wenn die Krankheit ausreichend behandelt ist. Das sollte man nie vergessen, wenn man mit einem akut psychotischen Menschen in Kontakt kommt.
-M