So viel Gelaber!

Die Woche hat wieder begonnen und ich merke einfach jeden Tag mehr, dass ich urlaubsreif bin. Seit ich in der Psychiatrie begonnen habe, hatte ich keinen Urlaub. Der Rhythmus ist zwar sehr regelmäßig: Montag bis Freitag, 8.30 bis 17 Uhr. Aber irgendwann reichen 2 Wochenendtage eben nicht mehr.
Herr Bamberg, den ich ja am Freitag in die Fixierung genommen habe, war das ganze Wochenende über fixiert. Und nur um das einmal klarzustellen: das ist nicht normal. Eigentlich dauern Fixierungen höchstens einen halben Tag. Der Punkt ist ja, dass man eine unmittelbare Gefahr abwenden möchte. Nach 12 Stunden sind die meisten Gefahren abgewandt. Aber Herr Bamberg war das ganze Wochenende so auf Krawall gebürstet, dass es einfach nicht möglich war, ihn zu defixieren. Wenn man jemanden defixiert, muss man Einiges beachten: kann der Patient sich an Absprachen halten? Wenn ich ihm sage, dass er nach der Defixierung erstmal für 1 Stunde im Zimmer bleiben soll: wird er es machen? Oder schreit er schon wieder rum? Wie impulskontrolliert ist er? Wenn ich ihm ein Glas Wasser gebe zum Trinken: Wirft er es durch das gesamte Zimmer? Man muss sich einfach einen Eindruck verschaffen von diesem Menschen, der bis eben noch sehr gefährlich war; so gefährlich, dass er fixiert werden musste.
Genau das wollten wir heute machen, als wir mit der Oberärztin zur Visite zu ihm ins Zimmer kamen. Barbara war auch bei ihm, weil alle Fixierten eine 1:1-Betreuung brauchen. Es kann ja immer was passieren bei diesen Menschen, die aggressiv oder agitiert sind. Als wir ins Zimmer kamen, begann Herr Bamberg direkt damit, uns zu bearbeiten, dass er losgemacht werden wolle. Als meine Oberärztin mit ihm einige Worte wechseln wollte und ihn fragte, wie das Wochenende so war und was er denn zu alledem denke, hat er sie direkt nachgeäfft und ist super laut geworden: „Losmachen sollt ihr mich!“ forderte er. Aber wenn dich einer anschreit, nachäfft und sich auf dem Fixierbett hin und her wirft, sit das nicht gerade vertrauenserweckend. Wir beendeten die Visite, ohne ihn zu defixieren.

Montage sind eigentlich immer reine Meeting-Tage. Man schafft nichts. Erst die Oberarztvisite, die heute wieder bis halb 2 gedauert hat, weil wir gerade 26 Patienten und Patientinnen haben; danach konnten wir kurz etwas essen. Dann gings weiter mit Orga-Team, wo man stationsspezifische Abläufe bespricht und was verbessert werden kann. Dann hat man 45 min., um tatsächliche Stationsarbeit zu machen. Und danach startet die Supervision für die Psychotherapie, ein Format, das ich immer noch richtig verstehen muss. Es ist eigentlich den ganzen Tag nur Gerede. Wenn man sich das so überlegt, dass sitze ich montags den meisten Tag nur rum und höre irgendjemandem zu. Das ist alles so vom Arbeitgeber organisiert, soll heißen: das soll so. Ich soll so viel rumsitzen. Dabei ist das für mich nicht Arztsein. Ich verbringe wirklich wenig Zeit mit meinen Patienten und deren Problemen und höre mir stattdessen zum 5. Mal die gleiche Geschichte an über: welche Folgen sollte ein positiver Drogenschnelltest auf das Ausgangsrecht der Patienten haben? Nur um dann zum 5. Mal zu hören: es hängt davon ab. Psychiatrie kann auch einfach viel Rumgelaber sein, manchmal fehlt mir ein bisschen die Stringenz, das Tatkräftige. Ich will damit nicht sagen, dass an mir ein Chirurg verloren gegangen ist, aber gerade auch an meiner alten Klinik ist Neurologie ein Fach für Macher, nicht so sehr für Quatscher. Aber schließlich ist genau das auch das Ziel dieses Rotationsjahres: andere Welten und eine andere Art des Arbeitens kennenzulernen. Man hat zum Beispiel viel mehr mit dem Amtsgericht und RechtsanwältInnen zu tun. Man lernt viel mehr Obdachlose kennen. Man lernt auch die Patienten viel besser kennen, weil sie einfach viel länger stationär verbleiben. Das ist auch eine wertvolle Erfahrung. Nur manchmal eben überwiegt das Gelaber einfach. Wie heute eben.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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