Heute war Freitag und das Wochenende konnte nicht schnell genug kommen. Zum Einen mussten wir heute für die Station 4 vertreten, weil beide Ärztinnen dort heute nicht da waren (und auf Station 4 lagen 2 Patienten in Fixierung). Zum Anderen hatten wir heute genug auf der Station 3 zu tun. Herr Bamberg ist heute total eskaliert: er hat rumgeschriehen, das Personal beschimpft und war gar nicht mehr zu beruhigen. Da musste er schließlich auch fixiert werden. Es war ziemlich anstrengend, weil er auch einfach sehr, sehr laut war. Diese Lärmbelastung ist auch Teil der Belastung auf einer Akutstation: alles ist immer so laut. Wenn man lärmempfindlich ist so wie ich, macht das einen nicht zu unterschätzenden Anteil an täglichem Stress aus.
Herr Bamberg ist ein 43 Jahre alter Türinger mit kurzen Haaren und Schnurrbart, der auf der Straße lebt und immer in rosa Turnschuhen ohne Schnürsenkel und zerschlissener Hose rumläuft. Die Hose als solche zu bezeichnen, ist wahrscheinlich schon zu optimistisch: es ist ein Lumpen, der einen Hosenbund hat und bis zu den Knien reicht. Die Vorderseite ist dabei ganz gut bedeckt, die Hinterseite nicht. Ein kariertes Hemd, ein Bauchtäschchen, das um den Hals getragen wird und ein Hackenporsche, den er überall hin mitnimmt, komplettieren den Look. In seinem Bauchtäschchen trägt er 600 € und eine Fahrradkette. Er sagt, die Fahrradkette sei von seinem Fahrrad, das ihm wohl vor einigen Tagen geklaut wurde. Was ich nicht herausgefunden habe, ist, warum er dann noch die Kette hat. Hat er sie abgenommen, bevor er das Fahrrad irgendwo abgestellt hat? Ich denke eher, er war zu desorganisiert, um sein Fahrrad wieder zu finden und es ist einfacher zu sagen, es wurde geklaut. Er hat es wahrscheinlich auseinandergebaut, so wie er auch sein Patientenbett auseinanderbaut und den Duschvorhang der Patientenduschen abbaut. Dieses Abbauen erinnert an ein manisches Syndrom: er hat einfach unglaublich viel Antrieb, immer am Machen, immer am Tun. Ein schizomanisches Syndrom hatte er allerdings noch nie als Diagnose bekommen. Ich finde aber, im Moment könnte das ganz gut passen.
Als Herr Bamberg dann in Fixierung war, verabreichten wir ein Medikament zur Beruhigung. Tatsächlich war Herr Bamberg in den Minuten nach Injektion und vor dem Einschlafen fast nett: die ganze Wut war weg. Man kann aber schon verstehen, warum er wütend ist. Er hat eine paranoide Schizophrenie seit 20 Jahren und war über 30 Mal in Krankenhausbehandlung, er war sogar 5x in der Langzeitunterbringung. Er sagt immer, er will keine Behandlung, er will nur Heilung. Und da es keine Heilung von der Schizophrenie gibt, könne man ihn gleich „exekutieren“. Da kommt viel Verzweiflung durch. Natürlich wollte er auch nicht in der Klinik bleiben. Der Betreuer hat ihn richterlich unterbringen lassen.
Oft kann man sich ganz gut mit ihm unterhalten, da ist man eigentlich überrascht, wie adäquat er antwortet. Dann aber sieht man, dass er die Wand in seinem Zimmer mit Scheiße eingeschmiert hat und man sieht wieder: es ist doch ein kranker Mensch. Er hat auch schon aus der Toilette getrunken.
Er fühlte sich heute auch so betrogen: immer wieder rief er „niemand hat vor, eine Mauer zu bauen, jaaaa!“ Ich glaube, irgendwie dachte er, dass wir ihn doch noch einfach entlassen werden ohne Behandlung; das wäre sein Wunsch gewesen. Offenbar hatte er das auch so verstanden, aber natürlich, als wir ihn in die Fixierung nahmen, war er total desillusioniert. Diese Rufe hängen mir immer noch nach.
Mein anderer, junger Patient mit der Erstmanifestation einer Schizophrenie, Herr Brodowski, war heute ganz kleinlaut und verängstigt. Dieser 2-Meter-Mann ist echt ziemlich durch den Wind. „Bin ich hier sicher, Herr Doktor?“ fragte er mich leise und sorgenvoll. „Sie sind hier ganz sicher, Herr Brodowski“, versicherte ich ihm. „Hier kommt niemand rein oder raus. Sie sehen doch, die Türen sind abgeschlossen.“ Wenn man natürlich denkt, dass die Polizei hinter einem her ist, weil man Staatsgeheimnisse kennt, ist man natürlich ziemlich besorgt, dass man gefunden wird. Genauso wie Herr Bäcker, den ich vor ein paar Tagen in einer Ecke im Flur hinter einem Patientenbett kauern fand. „Was machen Sie denn da, Herr Bäcker?“ fragte ich erstaunt. „Hier wird gleich eine Schießerei stattfinden! Die Mafia… sie haben mich gefunden!“ Diesen 50-jährigen Mann so verängstigt in der Ecke liegen zu sehen, das tut einem echt weh. „Mensch, Herr Bäcker“, begann ich, „ich glaube, Sie sind hier ziemlich sicher. Wir haben heute alles nochmal durchsucht, die Mafia ist hier ganz bestimmt nicht.“ ich half ihm auf und begleitete ihn auf sein Zimmer. Auch dieser Mann tut einem echt Leid. Er denkt, die Mafia verfolgt ihn, weil er einmal den Geburtstag von Hitler gefeiert hat (er hat wohl eine Nazivergangenheit). Früher also Skin Head und nun wirklich nur noch ein kleines Häufchen Elend. Es ist echt Wahnsinn, was diese Krankheit mit einem macht.
-M