Der Tag heute war warm und schwül. Unsere Klinik hat keine Klimaanlage, nur automatisierte Markisen vor allen Fenstern, die sich zu einer bestimmten Tageszeit absenken, um die Temperatur in den Patientenzimmern kühl zu halten. Dennoch war ich am Ende meines Dienstes heute schweißgebadet. Dabei hat der Tag eigentlich ganz entspannt begonnen. Alles lief nach Plan, Isabel und ich waren zwar alleine auf Station, da Max in der Nacht vorher Nachtdienst gehabt hatte, aber die Patienten schienen entspannt zu sein, es gab für alle einen Plan. Ein Patient, Herr Brodowski, war über Nacht gekommen, weil er am Tag vorher in suizidaler Absicht 40 g Paracetamol und eine unbestimmte Menge an Ibuprofen genommen hatte. Herr Brodowski ist ein 25-jähriger Security-Angestellter, der gut 2 Meter groß ist und sportliche 90 kg wiegt. Nach der Paracetamoleinnahme landete dann auf der Intensivstation einer nahe gelegenen Klinik, wo er überwacht werden sollte. Nach Paracetamolintoxikation kann es zu einem fulminanten Leberversagen kommen, daher musste er streng überwacht werden. Allerdings hat Herr Brodowski auch eine beginnende Psychose: bald nach der Ankunft auf der Intensivstation fing er, an sich alle Schläuche zu ziehen (inklusive den Dauerkatheter für die Urinableitung) und von einem Zachy Weinstein zu erzählen, welcher wohl ein Freund der Familie sei. „Ich muss ihn finden, er muss mir helfen! Er wird mich hier rausholen!“ rief er immer wieder atemlos. (Er erklärte mir später, dass diesem Zachy Weinstein alls sozialpsychiatrischen Stationen Berlins gehören und er Verbindungen nach ganz oben hätte. Ah ja.) Als es dann alles zu viel wurde für ihn, stand er auf und floh aus dem offenen Fenster auf eine Außentreppe des Krankenhauses, von wo er dann nackt über den Parkplatz davonlief! Er hatte einfach solche Angst! Menschen in einer Psychose haben eigentlich meistens vor irgendetwas Angst. Er hat später erzählt, dass die Polizei ihn verfolge, weil er Staatsgeheimnisse kenne. „Ich weiß zu viel, Herr Doktor“, rief er verzweifelt, als ich ihn heute Morgen visitierte. „Deshalb beschatten die mich alle! Viele Polizisten wissen nicht einmal, dass sie mich beschatten. Man sagte ihnen einfach, dass sie immer wieder an meinem Haus vorbeifahren sollen, damit ich weiß, dass ich beschattet werde!“ Er tut einem echt wahnsinnig Leid. Das will man sich gar nicht vorstellen: wenn die Polizei hinter einem her ist und man sich unschuldig fühlt? Es klingt schrecklich. Als ich ihn fragte, warum er denn von der Intensivstation abgehauen ist und sich diesen Dauerkatheter selbst gezogen hat, ohne den kleinen Ballon innen zu entblocken (es muss einfach sehr schmerzhaft gewesen sein!), sagte er: „Die wollten meinen Urin klauen! Aber die haben keinen Urin bekommen, sie haben Sperma bekommen! Das ist doch wichtig, Natrium, Calcium, Proteine und so!“ Es ist eigentlich fast unglaublich zu denken, dass dieser Mensch Psychologie und Kriminalistik studiert hat, und dennoch felsenfest davon überzeugt ist, dass Menschen seinen Urin klauen wollten. Da sieht man wieder, dass Psychosen ich-synton sind, das bedeutet: Menschen erleben ihre Psychoseoinhalte als Teil von ihnen selbst. Das ist anders als beispielsweise ein Mensch mit Zwangsgedanken, welcher seine Zwangsgedanken als störend und nicht zu ihm gehörig empfindet.
In den nächsten Wochen werden wir versuchen, die richtigen Medikamente für ihn zu finden. Im Moment nimmt er die Medikamente noch aus Angst, aber das kann sich bald ändern: er sagt immer wieder, dass er eigentlich kein Mensch ist, der gerne Medikamente nimmt. Und meine kurze Erfahrung sagt mir auch, dass Menschen, die plötzlich auf der Psychiatrie landen und unfreiwillig bleiben, erst kooperieren wegen des großen Eingriffs in ihre Freiheit, aber dann nach ein paar Tagen merken, dass sie auch in der richterlichen Unterbringung noch Spielraum haben und dann wieder aufhören, Medikamente zu nehmen.
Vor wenigen Tagen war Herr Brodowski schon mal bei uns gewesen, die Familie hatte ihn mit ganz viel Überzeugungsarbeit in die Klinik bringen können. Einmal dort hat er aber tatsächlich eine sehr gute Fassage aufrecht erhalten können: er hat mich, die Oberärztin und sogar den unabhängigen Arzt vom Sozialpsychiatrischen Dienst, der noch vorbeikam, davon überzeugt, dass er gar nichts hat und eigentlich wieder nach Hause könnte. Es gehört viel dazu, die Fassade vor 3 Experten zu bewahren, alle Achtung. Das setzt auch einenn gewissen Bildungsgrad voraus, denke ich. Aber die Fassade ist ja dann sehr schnell gebröckelt. Ein Glück, dass sein Suizidversuch nicht erfolgreich war und wir jetzt eine Chance haben, ihn zu therapieren. Ich glaube wirklich, da steckt ein schlauer, netter junger Mann unter der ganzen Psychose.
-M