Papagei, Papagei!

Gestern fand wieder die Oberarztvisite auf Station statt. Jeden Montag treffen sich alle aus den verschiedenen Teams und es werden der Reihe nach alle Patientinnen und Patienten visitiert. In der Psychiatrie läuft das anders als in den somatischen Bereichen: die Patienten kommen selber zur Visite und müssen sich dazu in einer Liste eintragen, die an der Tür hängt. Sich in der Liste einzutragen ist etwas, was auf einer akutpsychiatrischen Station nicht alle schaffen. Aber grundsätzlich gilt: „Wer zu uns kommt, kommt zu uns“, wie mir die Oberärztin an meinem ersten Tag gesagt hat.
Die Visite kann mitunter chaotisch sein. Vor allem ist es für viele Patienten nicht so einfach zu warten, wann sie an der Reihe sind. Immer wieder geht die Tür einfach plötzlich auf und jemand steckt den Kopf herein: „Kann ich jetzt reinkommen?“ So kann es schwierig sein, den Fokus auf die aktuelle Patientin im Raum zu halten, weil man ständig unterbrochen wird. So auch gestern. Wir visitierten geraden Herrn Weber, der uns gerade mitteilte, dass die Mafia ihn verfolgt und er eine Schießerei auf Station befürchtete, als plötzlich die Tür aufging und Frau Erle den Kopf reinsteckte. „Papagei, Papagei!“ rief sie und lächelte dabei freundlich. „Frau Erle, können Sie noch einen Moment draußen warten? Sie sind gleich dran“, riefen wir alle im Chor. Sie schloss die Tür wieder und wartete geduldig.
Frau Erle ist eine überaus freundliche, angenehme Patientin, welche eine paranoide Schizophrenie hat und lange keine Medikamente genommen hat. Das liegt zum Teil daran, dass ihre Mutter, bei der sie noch wohnt, Teil der Anti-Psychiatriebewegung ist. Und jetzt kommt der Clou: auch ihre Mutter leidet an einer paranoiden Schizophrenie und ist gerade jetzt auch in stationärer Behandlung, allerdings (wegen ihres fortgeschrittenen Alters) auf der gerontopsychiatrischen Station. Frau Erle ist wegen dieser langen Zeit ohne Medikamente komplett denkzerfahren: sie bekommt keinen geraden Gedanken hin. „Gestern bin ich verhört worden – von einem Affen. Er wollte Brot“, teilte sie uns in der Visite mit. „Ich habe einen gelben Bonbon aus der Kirche gestohlen und jetzt habe ich zwei graue Adern am Popo.“ Es bestehen einfach gar keine Zusammenhänge zwischen den Sätzen, ein kohärentes Gespräch ist praktisch unmöglich. „Ich wäre gerne ein Ypsilon. Oder ein Gamma“, erzählte sie amüsiert. Solche Aussagen kommen am laufenden Band.
Als ich sie einmal am Eingang zum Stationszimmer gesehen habe, hat sie gesagt: „Ich hätte gern einmal Kaffee und einmal krank sein und einmal Psychoterror erleben.“ Die Krankenpflegerin, welche schnell zur Stelle war, antwortete mit gewissem Witz: „Na, dann fangen wir doch erstmal mit einem Kaffee an.“
Die Visite dauerte dann auch nicht lange: nachdem sie uns mitgeteilt hatte, dass sie gerne ein Ypsilon wäre und der Bonbon jetzt ausgelutscht sei, stand sie auf und verabschiedete sich von der Oberärztin, die ihr den Ellebogen zum Corona-freundlichen Händeschlagersatz hinstreckte: „Tschüss, Corona!“ Als sie gerade zur Tür hinauswollte, drehte sie sich noch einmal um und sagte: „Ich würde euch jetzt mein Face zeigen zum Abschied, aber ich zeige euch meine Brust mit der Lactose.“ Wer weiß, was sie wohl damit gemeint hat.
Frau Erle ist wirklich eine ganz angenehme, freundliche Person. Ich spreche sie manchmal auf dem Flur an und frage: „Na, Frau Erle, wie geht’s?“ Als Antwort hat sie mir schon gegeben: „Ich bin schizophren und psychotisch und muss fixiert werden. Mit so kleinen Rollen“, wobei sie mit ihren Fingern eine runde Form nachbildete, welche wohl die Größe der genannten Rollen darstellen sollte. Die Hände führte sie dann in dieser Position zu den Augen und guckte durch, dann begann sie zu kichern. Ich kopierte ihre Bewegung und meinte: „Das ist lustig, nicht wahr? So durch die Finger zu gucken?“. Sie drehte sich belustigt um und ging weiter ihrer Wege.
Ich mag sie wirklich. Es ist einfach so schade, dass sie so lange keine Medikamente genommen hat. Wer weiß, auf welchem Funktionsniveau sie heute wäre.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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