Zwei Überraschungen und kein Abschied

Mein Tag heute war entspannt und eigentlich ziemlich gut. Die beste Nachricht kam morgens, als Isabel zur Tür rein kam. „Rate mal, wer sich gestern entlassen hat? Herr Braun!“ Ich war kurz fassungslos. Da ist man einen Tag nicht da, weil man Nachtschicht hatte und schon ist der schwierigste Patient weg. Der helle Wahnsinn! Ich fand das natürlich genial, nicht nur, weil der Umgang mit dem Narzisten extrem belastend war, sondern auch, weil er tatsächlich im Krankenhaus nichts zu suchen hatte. Er hat ganz bewusst sein Lithium abgesetzt und wollte es auch nicht wieder ansetzen – sicherlich kein Fall für eine Zwangsbehandlung. Ich habe ihn von Anfang an dazu bekommen wollen zu gehen. Am Ende musste man es ihm einfach ungemütlich machen. Ich habe damit „gedroht“, einen gesetzlichen Betreuer für ihn einsetzen zu lassen. Jemand, der so gern die Kontrolle über alles hat, ist das natürlich ein Graus! Jemand anderen entscheiden lassen? Niemals! Als ich ihn auf eine möglich Betreuung angesprochen habe, meinte er nur: „Wie viele Betreuer soll ich denn verschleißen, Herr Doktor?“ So, als würde er schon ankündigen, dass sich alle an ihm die Zähne ausbeißen werden und er stolz darauf ist. So ein unsympathischer Mensch auch!
Jedenfalls war er heute endlich weg! Isabel hatte ihn dann entlassen (und wahrscheinlich danach eine kleine Party geschmissen).
Dann ist heute auch noch ein Patient von mir nicht aus seinem Ausgang zurück gekommen. Es war einer meiner Patienten, die am längsten auf Station waren, 10 Wochen bestimmt schon. Dann habe ich ihm heute zum ersten Mal Ausgang gegeben und er ist einfach nicht wiedergekommen. Es war eigentlich auch gar nicht so schlimm, er hätte sowieso bald entlassen werden sollen. Aber wir hatte noch keine Obdachlosenunterkunft für ihn gefunden, das wollten wir noch für ihn tun. Und natürlich, genau heute, wo er plötzlich weg ist, kommt die Nachricht, dass endlich eine Unterkunnft für ihn gefunden wurde. Die Sozialarbeiterin hat gemeinsam mit dem Sozialamt über 24 Wohnheime und Hostels abgeklappert, um eine Einrichtung zu finden, die rollstuhlgerecht ist (mein Patient ist nach einem Selbstmordversuch im Rollstuhl) und ihn außerdem nicht auf ihrer schwarzen Liste hat. Er ist nämlich öfter schon mit Messern auf Menschen los. Das ist für solche Obdachlosenheime natürlich ein richtiges KO-Kriterium.
Auch einen Pfleger auf unserer Station hat er mit einem Messer angegriffen. Glücklicherweise ist nicht viel passiert, aber unser Pfleger war natürlich ziemlich traumatisiert. Das heißt, alles in allem finde ich es gar nicht schlimm, dass er heute nicht aus dem Ausgang zurückgekehrt ist. Trotzdem hätte ich mich gerne nach allem, was wir miteinander erlebt haben, einen richtigen Abschied gehabt; einfach nur, um unsere gemeinsame Zeit auch zu wertschätzen. Aber na gut, jetzt ist es so, wie es ist. Vielleicht ist er ja morgen früh doch wieder da. Vielleicht hat ihn die Polizei auf der Hauptstraße aufgegriffen, wie er sich wieder nackt auf den Boden gelegt hat. Das wäre eigentlich ziemlich typisch für ihn. Wir werden ja morgen sehen …
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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