Ich kann mich nicht entscheiden.

Letzte Nacht hatte ich meinen ersten 24h-Dienst in der Psychiatrie. Ich bin also am Dienstag Morgen zur Arbeit gegangen und erst wieder Mittwoch um 11 Uhr zuhause gewesen. Das klingt wirklich schlimmer als es ist. Es war ziemlich in Ordnung, auch wenn ich eigentlich kaum geschlafen habe. Besonders viel Zeit habe ich mit Herrn Fuchs verbracht. Herr Fuchs ist in der Klinik, weil er eine schwere Depression hat. Ganz besonders ausgeprägt ist bei ihm eine Entscheidungsunfähigkeit zu sehen: schon seit Wochen ist er sich nicht sicher, ob er therapiert werden möchte, ob er in der Klinik bleiben möchte, ob er Medikamente nehmen soll usw.
Gestern wurde er auf eigenen Wunsch gegen ärtzlichen Rat entlassen. Es war ihm doch alles zu viel, er wolle nach Hause. Aber falls er sich doch nochmal umentscheiden sollte, dann könne er wiederkommen, dann allerdings nur unter der Bedingung, dass er auch die verschriebenen Medikamente einnehme. Wie man es eigentlich schon erwarten konnte, war er wenige Stunden nach seiner Entlassung wieder vor der Klinik mit seiner großen Reisetasche volle Kleidung, Bücher und Ähnlichem. Ich habe ihn im Foyer gesehen und er hat mich angesprochen: „Herr Doktor, soll ich denn wieder auf die Station zurück gehen? Ich bin mir jetzt echt nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung war zu gehen.“ „Tja, Herr Fuchs“, meinte ich, „das weiß ich auch nicht. Ich weiß aber, dass von Ihrem Arzt das Angebot zur Behandlung weiterhin steht und dass sie einfach auf die Station laufen können, wenn Sie das wollen.“ Herr Fuchs trippelte nervös auf der Stelle und nestelte mit seinen Fingern. „Ach, ich weiß nicht, was ich machen soll, Herr Doktor.“ „Vielleicht gehen Sie einfach nochmal vor die Tür und rauchen eine Zigarette, dann wird Ihnen schon klar, was das Richtige für Sie ist“, schlug ich optimistisch vor. „Ja, ok“, sagte er leise und ging Richtung Ausgang.
Ich begann dann meinen Nachtrundgang über alle Stationen und macht mir erstmal keine Gedanken über ihn; er wird sich schon entscheiden, dachte ich.
Als ich dann auf Station 2 kam, stand Herr Fuchs vor dem Stützpunkt der Pflege, trippelnd und nestelnd. „Hallo, Herr Fuchs“, begrüßte ich ihn freundlich. „Sie haben sich also doch dazu entschieden, hier zu bleiben.“ „Hallo, Herr Doktor“, antwortete er mit gepresster Stimme. „Ja, ich bin hier, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich diese Tabletten nehmen soll.“ „Aber ich denke, das war so abgesprochen: dass Sie nur wieder hier aufgenommen werden, wenn Sie auch Ihre Medikamente nehmen“, erklärte ich. „Ja, schon, aber … ich weiß einfach nicht.“ „Herr Fuchs“, sagte ich bestimmt, „Wenn Sie sich nicht entscheiden können, wird jemand anderes für Sie entscheiden. Und das werde ich sein. Ich gebe Ihnen jetzt noch eine Minute, dann werde ich für Sie entscheiden.“ Ich dachte mir, wenn man ein bisschen Druck aufbaut und ihm klarmacht, dass er hier nicht ganze Nacht stehen kann, dann wird er sich vielleicht endlich mal entscheiden. „30 Sekunden … 15 … 10 Sekunden … jetzt ist es soweit, Herr Fuchs.“ Er sagte immer noch nichts. Die Tabletten lagen noch vor ihm im Dispenser. „Damit haben Sie mir jetzt die Entscheidung überlassen“, erklärte ich. „Und da ich Sie ja nicht dazu zwingen kann, Medikamente einzunehmen, bleibt nur die andere Option, nämlich die Entlassung.“ Herr Fuchs bewegte sich nicht und schwieg weiterhin. Er schaute mich nur mit großen Augen an. Seine Reisetasche lag noch neben ihm auf dem Boden. „Gut, Herr Fuchs, dann gehen wir jetzt. Ich kann gerne ihre Tasche tragen, und dann geht’s ab nach Hause“, bot ich an. Ich schnappte mir seine Tasche und fing an, Richtung Ausgang zu laufen. „Nein, nein…“ hörte ich ihn leise hinter mir. „Bitte…“ Ich dachte mir, ich musste jetzt für einen Moment etwas streng mit ihm sein, damit er merkt, dass es eigentlich total sinnlos war, was er hier so veranstaltete. Deshalb ließ ich mich auch nich beirren und schleppte die große, grüne Militärtasche zwei Stockwerke nach unten zurück ins Foyer, wo ich ihn noch vor anderthalb Stunden getroffen hatte. „Herr Doktor, bitte, ich nehme die Medikamente! Bitte! Ich nehme die Medikamente!“ rief Herr Fuchs hinter mir. Als wir dann unten im Foyer des Krankenhauses standen, beteuerte er weiter: „Wirklich, ich werde sie nehmen, ganz bestimmt.“ „Na gut, dann begleite ich Sie nochmal hoch auf Stationn“, lenkte ich ein. Der Ärmste war ja wirklich völlig verzweifelt.
Oben angekommen ging das Ganze schon wieder von vorne los. „Ich weiß nicht, ob die Medikamente nehmen soll.“ Ich dachte, ich spinne. Ich war bereits über 2 Stunden nur mit diesem Typen beschäftigt und es geht einfach nichts weiter. „Herr Fuchs, ich muss echt sagen, ich glaube, Sie verarschen mich. Was soll das denn hier alles?“ sagte ich ungehalten. Jemanden die negativen Konsequenzen seines Verhaltens aufzuzeigen, ist auch aus verhaltenstherapeutischer Sicht wertvoll. „Ich bin hier seit Stunden nur mit Ihnen beschäftigt. Hoch, runter, rein, raus, Medikamente nehmen, Medikamente doch nicht nehmen. Glauben Sie, ich habe in meinem Nachtdienst nichts Anderes zu tun?“ Ja, ich war etwas streng, Aber ich fand es ziemlich wichtig, ihm auch aufzuzeigen, dass es hier nicht nur um seinen Leidensdruck ging, sondern dass sein Verhalten alle hier betraf. „Nein, wirklich, Herr Doktor, ich verarsche Sie nicht! Ganz ehrlich! Nein, nein“, versicherte er, fast unter Tränen. Ich hatte ja die kleine Hoffnung, dass dieser strenge Ton in ihm dann etwas auslösen würde, was ihn zu einer Entscheidung bringen würde. Weit gefehlt.
Um diese ganze Geschichte hier etwas abzukürzen: Das Ganze ging über mehrere Stunden, ich habe diese Riesentaschen mehrmals 2 Stockwerke hoch und wieder runter getragen und als es mir dann irgendwann wirklich zu bunt geworden ist, habe ich ihn einfach im Treppenhaus stehen lassen. Ich bin hinter einer Brandschutztür in einen anderen Stationsbereich gegangen, wo auch das Nachtdienstzimmer war. Er hat dann noch nach mir gerufen („Herr Doktor! Her Doktor, bitte, ich nehme die Medikamente!“), er hat die Klingel vor der Brandschutztür benutzt, um mich wieder herauszuklingeln und ist letztendlich sogar durch die Tür an mein Arztzimmer gekommen und hat da geklopft. „Herr Doktor, bitte!“. Da ist mir auch der Kragen geplatzt. „Herr Fuchs, Sie überschreiten hier gerade sämtliche Grenzen. Hier drin können Sie nicht sein, und weil Sie nun ja auch kein Patient mehr hier sind, halten Sie sich hier völlig unrechtmäßig auf dem Gelände auf, sodass ich mich gezwungen sehe, die Polizei zu rufen, wenn Sie nicht sofort gehen“, drohte ich. Ich hätte natürlich die Polizei gerufen, er war ja eh schon so ein armes Würstchen. Ich habe ihn vor die Stationstür gebracht und da stehen gelassen.
Letztendlich habe ich ihn dann dort für mehrere Stunden nicht gesehen, ich dachte, er sei endlich nach Hause gegangen. Am Morgen habe ich ihn dann aber im Klinikgarten gesehen, mitsamt Tasche. Er muss wahrscheinlich auf dem Gelände geschlafen habe.
So etwas habe ich echt noch nie gesehen. Er war wirklich völlig unfähig, sich zu entscheiden. Und das hat er sogar soweit getrieben, dass er die ganze Nacht irgendwo auf dem Klinikgelände campiert hat. Er tat mir ja echt Leid.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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