Getragen wie ein König

Montags ist auf Station immer die Oberarztvisite. Vertreter*innen aller Disziplinen treffen sich mit der Oberärztin, um dann nacheinander alle Patienten zu sehen: Ärzteschaft, Pflegende, Sozialdienst, Ergotherapeutinnen und Psychologie. Man schreibt sich als Patient auf die Liste vor der Tür und wird dann hereingeholt. Das gibt einem als Patientin die Gelegenheit, alle Fachrichtungen zu sehen und ggf. auch direkt anzusprechen.
So lief heute die Visite mit der Oberärztin wie sonst: Herr Yahru beschimpfte die Oberärztin auf Englisch, Herr Lemke merkte nochmal an, dass Blaubeeren als gesund und dunkelblau zu betrachten seien und Frau Weber verließ nach einem konfusen Monolog („Der Wilfried hat die Praxis gestohlen.“) den Raum mit den Worten: „Oh, ich hab mein Bein verloren.“, wobei sie ausladend mit ihrem Hintern hin- und herschwang. Alles in allem also ein völlig normaler Montag. Dann kam Herr Braun, der Narzist. Am Freitag hatte er ja noch gedroht, dass er sich den Kopf in eine Scheibe schlagen würde, wenn ich ihn entlassen wolle. Ich war wirklich gespannt, wie er in der Visite mit der Oberärztin sprechen würde. Unser Plan war, ihn mit der Möglichkeit einer gesetzlichen Betreuung zu konfrontieren, weil wir glaubten, dass er das als autonomiebedürftiger Mensch absolut nicht wollen wird und dann kooperativer wird.
Natürlich war das ganze Gespräch wieder ein Spiel: es ging nur darum, sich zu profilieren und die Oberärztin und überhaupt alle zu erniedrigen. Ehrlich, ich finde es schon fast langweilig mittlerweile. Aber als dann die Oberärztin meinte: „Gut, Herr Braun, dann ist die Visite jetzt zu Ende“, sagte er: „Die Visite ist nur dann zu Ende, wenn Sie mich entweder hier raustragen oder wenn sie alle den Raum verlassen.“ Stille trat ein. Was war das denn jetzt schon wieder? Was für ein Ziel verfolgt dieser Mann? „Wir können gern alle den Raum verlassen, Herr Braun“, sagte die Oberärztin ruhig. „Na, dann viel Glück, wenn Sie den anderen Patienten erklären, dass keine Visite mehr stattfindet“, antwortete Herr Braun triumphierend. Wieder trat Stille ein. „Herr Braun, so läuft das hier nicht“, sagte meine Kollegin leise. Dann stand die Oberärztin abrupt auf und ging zur Tür. Das ist eine ihrer Techniken bei Patienten, die nicht aus der Visite gehen wollen: man löst die Situation auf. Alle stehen auf und fangen an, die Akten zu sortieren oder das Fenster zum Lüften zu öffnen oder Ähnliches. Die meisten Patienten merken dann selbst, dass sie nicht weiterkommen und verlassen dann missmutig den Raum. Herr Braun aber blieb sitzen. Die Oberärztin näherte sich ihm dann von hinten, wobei sie nochmal klar sagte, dass er doch bitte jetzt den Raum verlassen sollte und dann griff sie einfach nach Stuhl und begann ihn zu ziehen. Man muss es ihr einfach lassen, die Frau hat echt Mut. Ich fände es wahrscheinlich zu gefährlich, das bei einem Mann zu tun, der gerade so auf Krawall gebürstet ist. Aber sie packte einfach zu. Ich glaube, auch Herr Braun war darauf nicht gefasst; er guckte etwas erstaunt. Schnell waren noch meine Kollegin und mein Kollege links und rechts des Stuhls und packten mit an. Schwupdiwup wurde er aus dem Raum getragen und samt Stuhl vor die Tür gestellt, wo noch andere Stühle mit anderen Patienten standen. Wir schlossen die Tür ab und Herr Braun zischte beleidigt ab.
Ich war echt fassungslos. Musste denn alles ein Machtspielchen sein?

Wenig später sah ich ihn seine Wut und seinen Frust am Fahrradergometer auslassen. Wie wild strampelte er vor sich hin, wobei er nur eine Unterhose trug. Als die Pflegenden ihn baten, etwas anzuziehen, weil das gegen die Hausordnung verstößt (und es ganz ehrlich auch einfach eklig ist, wenn man mit seiner Schweißunterhose direkt auf dem Fahrradsattel sitzt), hat er das natürlich nicht getan. Machtspielchen. Immer und immer wieder. Als einer der Pflegenden, Barbara, ihn dann sanft vom Ergometer schieben wollte, damit die ganze Sache endlich mal in Bewegung kommt, hat er sich plötzlich stocksteif gemacht und ist vom Ergometer gegen die daneben liegende Wand gekippt und dann langsam zu Boden geglitten. Das alles natürlich nur, damit wir es richtig schwer hätten, ihn irgendwie in sein Zimmer zu bekommen. Da hat die Pflegerin Jana unseren Hausalarm gezogen. Hausalarm bedeutet: schwierige Patientensituation, bitte sofort kommen, wer kann. 20 Sekunden später war der Flur plötzlich voll mit Personal, bestimmt 25 oder 30 Leute standen rings um Herrn Braun, welcher immer noch stocksteif am Boden lag und die Trotzphase wieder aufleben ließ. „Holt das Fixierbett“, kam es aus einer Ecke. Eine körperliche Fixierung war natürlich zu dem Zeitpunkt gar nicht notwenig, aber der Patient war in dem Moment einfach so unberechenbar, dass man auch noch nicht wusste in welche Richtung die ganze Sache gehen würde. Daher ist es gut, wenn das Fixierbett nicht allzu weit ist.
Ich glaube aber, dass dieses Wort in ihm etwas ausgelöst hat. Fixierbett, das ist der Spaß dann doch vorbei. Das muss zumindest Herr Braun gedacht haben, denn plötzlich war er wie durch Zauberhand von seiner kataplektischen Starre erlöst, stand auf, warf sich sein T-Shirt über eine Schulter und lief schnurstracks an all den herbeigerufenen Leuten vorbei in seiner Unterhose auf sein Zimmer, dann ins Badezimmer und fing da an zu duschen, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe ihm 1 Stunde Zimmergebot erteilt.
Dieser Mensch macht mich sprachlos. Aber ein bisschen schmunzeln muss ich schon, wenn ich daran denke, wie ausgeprägt die narzistische Kränkung sein gewesen muss, in Unterhose am gesamten Krankenhauspersonal vorbeilaufen zu müssen. Nice.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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