Der Narzist schlägt zurück!

Heute hatte ich wieder ein längeres Gespräch mit Herrn Braun, dem Narzisten der Station. Er weigert sich weiterhin, einen Covid-Abstrich machen zu lassen und hat deshalb immer noch keinen Ausgang. Und er weigert sich auch weiterhin, die Medikamente so einzunehmen wie verschrieben. Dabei bin ich ihm ja entgegengekommen, indem wir vereinbart hatten, dass er einen Selbstdiagnose-Fragebogen ausfüllen solle a la „Habe ich gerade eine manische Phase?“. Er hat ihn heute unausgefüllt zurückgebracht und meinte dazu, dass es doch völlig sinnlos wäre, einen solchen Fragebogen als diagnostisches Mittel zu benutzen, weil man doch bei jeder Frage einfach lügen könnte. Ein Mittel, das so subjektiv wie ein Fragebogen ist, sei gar nicht wissenschftlich. Ich hätte es mir denken können, dass er irgendeine Ausrede findet, es nicht auszufüllen. Er möchte bleiben. Aus irgendeinem Grund möchte er im Krankenhaus bleiben, auch wenn er mir heute gesagt hat, dass wir überhaupt nicht in einem Krankenhaus wären, sondern in einem Escape Room, wo die Patient*innen versuchen, möglichst viel Drama zu machen und das Personal versucht, alle in Schach zu halten. „Wissen Sie das denn nicht?“, fragte er mich amüsiert. Man könnte kurz denken, dass er total psychotisch ist, aber ich glaube ihm kein Wort. Ich glaube, er möchte sich auf seine narzistisch-überhebliche Weise kränker darstellen als er ist, damit wir ihn nicht entlassen. Sein Vorschlag heute war, dass er im Krankenhaus bleibt, sich nicht behandeln lässt und dass wir einfach keinem sagen, dass er kein Patient sei. Was für ein kompletter Schwachsinn! Er spielt einfach mit mir, das ist alles ein Spiel mit dem Ziel, mich auflaufen zu lassen und gleichzeitig nicht gehen zu müssen. Eigentlich müsste ich mir in jedes Gespräch eine Alarmglocke mitnehmen, die mir immer wieder sagt: „Vorsicht, Spiel! Nicht auf die Spielebene einsteigen, sondern auf der Sachebene bleiben!“ Denn das will er: mich auf die Spielebene locken, damit er mich vorführen kann, danach ist sein Ego gestärkt und ich habe nicht erreicht, was ich wollte.
Ich habe heute dann angekündigt, dass er dann in wenigen Tagen gehen wird, wenn er unsere Behandlungsvorschläge nicht annimmt. „Aber man kann doch nicht jemanden mit einem richterlichen Beschluss entlassen“, entgegnete er. „Aber es existiert kein Beschluss, Herr Braun. Sie sind ja freiwillig da“, meinte ich. „Na, dann sollten Sie so einen Beschluss holen. Sie können denen ja irgendwas erzählen“, sagte er dazu. „Aber ich werde doch nicht das Gericht anlügen, Herr Braun, warum sollte ich das tun?“ „Na, wenn Sie es nicht tun, dann kann es passieren, dass ich hier etwas mache, was – wie nennt man das noch? – Eigengefährdung bedeutet, z. B. könnte ich ja meinen Kopf in eine Scheibe rammen.“ Ich war erstmal sprachlos. Hat er gerade tatsächlich angedroht, sich zu verletzen, wenn ich ihn entlassen möchte? „Herr Braun, Sie wissen, dass Sie für alle Schäden, die Sie hier machen, angezeigt werden können, ja?“ sagte ich vorsichtig. „Aber ich bin doch psychiatrisch erkrankt! Ich bin bipolar!“ sagte er triumphierend. „Aber im Moment sind Sie vollkommen absprachefähig und auch schuldfähig!“ „Das kann sich ja schnell ändern, mit meiner Bipolarität.“ Eine Stille trat ein. Dann ergriff er wieder das Wort und lächelte süffisant: „Jetzt sitzen Sie in der Falle.“ Siegessicher und breit grinsend verließ er den Raum. Ich blieb zurück mit einem Gefühl von Ungläubigkeit, Ohnmacht und einem hohlen Gefühl in der Magengegend.
Das ist doch kaum zu glauben, oder? Ich habe gerade wirklich nur Abneigung, fast Hass, gegen diesen Menschen. Dabei ist er wirklich nur eine arme Wurst. Mir ist noch nie ein derart narzistischer Mensch untergekommen und ich bin echt sprachlos. Meine Oberärztin sagt, dass man mit solchen Menschen von der Spielebene runter auf die Sachebene kommen muss. Er benutzt unsere Gespräch nur, um sein schlechtes Selbstbewusstsein zu polstern, es passiert alles auf einer interaktionellen Ebene und es geschieht nichts auf der inhaltlichen Ebene. Er geht aus den Gesprächen triumphierend raus, aber es wurde eigentlich nichts besprochen. Er kann bleiben, so, wie er will, und wir kommen nicht weiter. Im Prinzip läuft alle so, wie er das will. Ein Glück, dass Isabel ihm am Mittwoch den Ausgang gesperrt hat…
Aber wie stellt man es an? In den Gesprächen verwickelt er einen in seine Spiele. Wenn man nicht mitspielt, fordert er einen immer weiter heraus und kommt mit immer wieder neuen Provokationen, um einen vorzuführen. Wenn man das Gespräch dann vorzeitig beendet, dann fühlt er sich gut, weil er einen dazu gebracht hat, die Fassung zu verlieren. Dann hat er gewonnen. Wenn man sich aber auf die Spiele einlässt, dann gewinnt er auch, weil man irgendwann einfach aufgibt. Und vom Gefühl heraus würde es gut tun, ihm richtige eine reinzuwürgen. Aber auch dann hat er gewonnen, denn welcher Arzt und welche Ärztin würde den Patienten was reinwürgen? Ich denke, bis Montag lese ich nochmal nach, wie man mit Narzisten umgeht, auf eine produktive, professionelle Art und Weise.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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