Ab nach Griechenland!

Heute war ein ziemlich intensiver Tag im Krankenhaus. Durch die Covid-Impfungen gestern gab es heute einige Ausfälle, sodass Isabel und ich heute beide Stationen alleine versorgen mussten. Dabei hatte ich heute noch Impfdienst. Glücklicherweise konnte da jemand für mich einspringen, denn ich habe auf Station echt jede Minute gebraucht. Herr Lemke, der Patient, der sich wahnhaft auf die Farbe Blau fixiert hat, hatte gestern seinen Ausgang genutzt und sich wohl verlaufen. Er ist wesentlich später als abgemacht wieder zurückgekommen. Heute habe ich ihn im Visitengespräch darauf angesprochen: „Herr Lemke, was ist denn gestern passiert? Sie haben sich verlaufen?“
„Naja, ich bin zum Kanal gegangen und dann einfach dem Kanal entlang gelaufen, immer gen Süden“, sagte er verschmitzt. „Sie wissen ja, Richtung Griechenland, um mich zu vermehren.“ Herr Lemke hat nämlich auch Griechenland etwas wahnhaft verarbeitet, soll heißen, er findet Griechenland toll (auch weil es so schön blau ist) und spricht immer wieder davon, dass er dort hin muss, um sich zu vermehren. Wie er das genau anstellen möchte, hat er mir bisher nicht verraten. Dass er in seinem Ausgang immer Richtung Süden möchte, das war mir schon bekannt. Bisher dachte ich aber, dass der 5 Minuten südlich liegende Volkspark auch reichen würde.
Herr Lemke fuhr fort: „Aber zu Fuß bis nach Griechenland? Das ist dann vielleicht doch etwas weit…“ Ich war ganz begeistert! So viel Einsicht hatte er bisher noch nie. Das war ja ein echter Fortschritt! „Das stimmt, Herr Lemke. Das wäre auf jeden Fall zu weit für einen Ausgang aus der Klinik“, gab ich zurück. „Aber zum Urlaubmachen ist es sicher toll, wenn’s denn mal wieder möglich sein wird mit Corona und so.“ „Ja, das wäre schön. Ich würde ja mit dem Zug bis nach Sizilien fahren und dann mit der Fähre übersetzen“, träumte Herr Lemke. „Das ist ja ein toller Plan, Herr Lemke“, sagte ich. „Was hat sie denn dann eigentlich dazu gebracht, wieder umzudrehen?“ „Mir wurde kalt. Ich dachte mir, ich muss wieder zurück in die Klinik. Ich habe ja im Moment keine Wohnung.“

Diese Unterhaltung hat mich so froh gestimmt. Herr Lemke ist echt schon lange bei uns und ich dachte schon, da kommt gar nichts mehr. Aber in den letzten Wochen ist er wirklich Schritt für Schritt besser geworden. Er hatte zwar immer noch den Impuls gen Süden und nach Griechenland zu gehen, hatte sich aber rechtzeitig unter Kontrolle und ist wieder selbstständig zurückgekehrt. Und dass er endlich verstanden hat, dass er nicht mehr in seine alte Wohnung zurück kann, weil sie ihm wegen erheblichem Wasserschaden gekündigt worden war – das ist einfach großartig! Wie oft hatte ich schon die Diskussion mit ihm, dass er nicht mehr in seine Wohnung zurück könne und wie oft hat er mir entgegnet, das sei alles nur eine Lüge und er wolle einfach nur nach Hause. Es ist echt schwer, einem Menschen immer wieder zu sagen, dass er obdachlos ist und dass nichts von seinen Sachen gerettet werden konnte, weil die Wohnung so kaputt und verdreckt war. Herr Lemke ist wirklich so ein freundlicher, angenehmer Mensch, man möchte ihm eigentlich wirklich nichts Böses. Er versteht sich mit allen Mitpatient*innen, er spielt Uno und Skat mit allen, er ist wirklich eine Bereicherung für die Klinik. Jetzt wird er aber so gut, dass er bald in eine therapeutische Wohngemeinschaft gehen kann. Ich habe ihn echt liebgewonnen, mir wird er fehlen. Aber ich habe mir überlegt, vielleicht gehe ich ihn einmal besuchen, wenn er sich eingelebt hat. Ich glaube, das wäre schön.
-M

Veröffentlicht von Markus Pollard

Assistenzarzt der Psychiatrie und Neurologie

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