Heute habe ich meine Kolleg*innen gegen Covid-19 geimpft. Ich habe mich vor wenigen Wochen dafür gemeldet, Teil des Impfteams zu sein. Ich dachte mir, dass ich dadurch mal etwas Sinnstiftendes in dieser sonst so sinnlosen Pandemie machen könnte. Es ist jetzt wirklich schon über ein Jahr, dass wir mit dieser Covid-Realität leben: Abstriche, Schnelltests, Isolierung, Lockdown… echt Wahnsinn! Die Gelegenheit, Menschen dagegen zu impfen, habe ich dann natürlich sofort beim Schopf gepackt. Es ist auch schön, alle anderen aus der Klinik mal kennenzulernen, von der BuFDI bis zum Chef habe ich tatsächlich fast aus jeder Berufsgruppe jemanden geimpft. Es freuen sich auch alle, weil die meisten heute die Zweitimpfung bekommen haben und dadurch erstmal voll geimpft sind; d. h. bis die StiKo darüber entscheidet, ob wir uns dann alle ein drittes, viertes oder fünftes Mal impfen lassen sollen. Aber für heute habe ich zumindest die Leute nach Hause geschickt mit dem Spruch, dass sie jetzt zu den glücklichen 14 % gehörten, die jetzt vollständig geimpft sind. Das macht einen froh, gerade auch jetzt, wo der Sommer anfängt.
Auf Station hatte ich dann erstmal noch 9 Patienten zu sehen, weil ich ja durch den Impfdienst niemanden am Vormittag visitieren konnte. Der narzistisch-zwanghafte Herr Braun (Name geändert) hat sich heute meine Kollegin Isabel zur Feindin gemacht. Er hat sich nämlich ziemlich überheblich geweigert, einen Covid-Abstrich machen zu lassen und überhaupt eine Maske auf Station zu tragen. Da er alleine raus darf und sich somit überall anstecken könnte, hat Isabel ihm dann als Konsequenz daraus den Ausgang gestrichen. Das fand sein narzistisches Ego gar nicht gut. Sie hat entschieden, dass er nur dann wieder in den Ausgang darf, wenn er sich abstreichen lässt. Man könnte ihn eigentlich auch disziplinarisch entlassen; schließlich sind das Infektionsschutzmaßnahmen, an die er sich wissentlich nicht halten möchte. Er ist nämlich bipolar und im Moment etwas hypoman, aber durchaus verständig und absprachefähig. Man kann von ihm erwarten, dass er die Pandemiemaßnahmen versteht. Seine narzistische Persönlichkeit macht es ihm aber schwer, sich Regeln zu unterwerfen und überhaupt Dinge mit sich tun zu lassen, die er als herabwürdigend empfindet. Dass Isabel dann so durchgegriffen hat, hat sicherlich eine narzistische Kränkung in ihm verursacht.
Später im Gespräch habe ich ihn auf diese Situation angesprochen. Er wollte gar nicht darüber reden, tat so, als ob ihn der gestrichene Ausgang nicht scheren würde. Ich habe dabei auch etwas Neues ausprobiert: statt mich von ihm vorführen zu lassen, habe ich in den ersten Minuten des Gesprächs investiert. Ich habe kleine, gebutterte Euromünzen in sein rießiges Ego eingezahlt und auf Dividenden gehofft – und ich muss sagen, es hat großartig funktioniert. Wenn man einem Narzisten ein bisschen Honig ums Maul schmiert, dann fressen sie dir aus der Hand. Ich habe ihm erzählt, dass er doch einer unserer schlauesten Patienten ist und dass wir deshalb davon ausgingen, dass er uns ein den Infektionsschutzmaßnahmen behilflich sein würde, zumal ja so viele unserer anderen Patienten gar nicht verstehen, dass wir im Moment in einer Pandemie leben. Das hat ihm echt so gut gefallen! Ich habe noch weitergemacht und gesagt, dass wir beide ja intelligente Menschen sind, die sich auf einem hohen Niveau unterhalten können. Da hat er aus lauter Schmeichelei verlegen gelacht. Es war toll. Plötzlich war er viel kooperativer und offener und gar nicht mehr so antagonistisch und konkretistisch. Der Kontakt war wirklich so viel besser als das Gespräch gestern in der Oberarztvisite oder mein Gespräch mit ihm von letzter Woche. Das hat mir wirklich Spaß gemacht. Wenn man weiß, wie man mit den einzelnen Typen von Persönlichkeitsstörung (histrionisch, narzistisch, emotional-instabil usw.) umgehen muss, dann ist das alles so viel leichter. Man ärgert sich dann nicht mehr so schnell und hat wirklich Werzeuge an der Hand, die man einsetzen kann. Das ist das Handwerk der Psychiater und Psychologinnen und das ist auch wirklich das, was ich mir aus dem Psychiatrie-Jahr mitnehmen möchte: dieses Handwerk.
-M